5. 9. 2020

Im Juni 2020 feierte unser langjähriges Mitglied Gertrud Bayer ihren 100. Geburtstag! Zu diesem freudigen Ereignis wollten wir - selbstverständlich unter Einhaltung aller Hygienevorschriften - Frau Bayer persönlich unsere Glückwünsche überbringen. Die gebürtige Berlinerin erzählte bei dieser Gelegenheit aus ihrem Leben in und mit Berlin.

Nach einer Ausbildung zur Rechtsanwaltsgehilfin bildete sie sich zur Kauffrau in einer Polstermöbelfabrik weiter. Während des Krieges übernahm sie, da ihr Vorgesetzter eingezogen worden war, die kaufmännische Leitung des Betriebes in der Kommandantenstraße.

Dort befand sie sich auch am 23. Februar 1945, als ein verheerender Luftangriff die unmittelbare Umgebung weitgehend zerstörte. Durch einen Feuersturm machte Frau Bayer sich zu Fuß auf den Weg zu ihren Angehörigen. Die Hitze verursachte derart starke Luftbewegungen, dass sie sich an einer Straßenlaterne festhalten musste, um nicht in das Feuer gezogen zu werden. Über den Spittelmarkt durch die Scharrenstraße wanderte die damals 25jährige zunächst zum Ostbahnhof, um ihrem späteren Mann, der dort als Polizist im Dienst war, ihr Überleben zu berichten. Von dort aus zog sie weiter in Richtung Friedrichshain, um nach ihren Eltern zu suchen, die sie glücklicherweise lebend vorfand. Durch die Luftangriffe waren Ausgebombte allerdings ständig zum Umziehen gezwungen, so dass die Suche einige Tage dauerte.

Nach Kriegsende engagierte sich Frau Bayer als Trümmerfrau, was entsprechend der gesetzlichen Vorgaben ihre Lebensmittelrationierung erhöhte. Zu dieser Zeit versorgte sie zudem ihre erkrankten Eltern. Die kargen Rationen besserte sie auch bei Hamstertouren in das Berliner Umland auf - als persönliche Höchstleistung nannte sie einen Sack von 50 kg Kartoffeln, den sie eigenhändig aus Werder bis in die Stadt transportierte.

Nachdem in den Nachkriegsjahren erste Gewerbescheine ausgegeben wurden, war Frau Bayer hochmotiviert, einen Betrieb aufzubauen. Mit Tatkraft, Energie und ihren Kenntnissen aus der Polstermöbelfertigung setzte sie gemeinsam mit ihrem späteren Ehemann beschädigte Möbel instand bzw. recycelte diese. Alte Polsterfüllungen fanden Verwendung in neuen Polstern, Teile alter Möbel wurden zu neuen zusammengesetzt. Durch die Materialknappheit in dieser Zeit standen die Kunden in langen Schlangen vor dem Laden, den Frau Bayer und ihr Partner an der Gertraudenbrücke eröffnet hatten.

Allerdings war die junge Geschäftsfrau in der sowjetischen Besatzungszone nicht zufrieden. Im Wege eines sogenannten “Kopftausches” - im Austausch für einen West-Berliner, der sich in Ost-Berlin niederließ - konnte Frau Bayer legal nach West-Berlin ziehen. Bis zum Bau der Mauer nutzte sie die Möglichkeit, in Ost-Berlin besonders günstige Produkte wie etwa Brot zu beziehen.

Durch ihren Geschäftssinn hatte sie bereits eine Geldsumme angespart und konnte noch vor der Währungsreform 1948 am Ku’damm ihr erstes Ladengeschäft in West-Berlin eröffnen. Im Lauf der Jahre vergrößerte sie ihr Einrichtungshaus “Ihr Heim” beständig. Spezialisiert auf Stilmöbel war ihr Haus eine Institution der feinen Einrichtung und hob sich von anderen Möbelhandlungen durch Qualität und Einzigartigkeit der Stücke hervor.

Die Waren importierte sie insbesondere aus Italien; beispielsweise besuchte sie gerne die Möbelmesse in Mailand. Doch auch in Museen holte sie sich Inspiration. Nicht nur Möbel, auch Dekorationsartikel verkaufte sie ihren Kunden, die ihrem Stilempfinden vertrauten und Frau Bayers Ratschläge für stilvolles Wohnen gerne annahmen.

Ihr Ehemann kam erst 1961, zeitgleich mit dem Mauerbau (er überwand unter Lebensgefahr die Stacheldrahtbarrieren) als Flüchtling nach West-Berlin; bis dahin führte er mehrere Möbelgeschäfte in Berlin u.a. an der Frankfurter Allee. Von 1961 bis zur Geschäftsaufgabe im Jahr 1977 arbeitete das Ehepaar nun gemeinsam. Als jedoch große Möbelhäuser und Möbeldiscounter zunehmend den Preisdruck erhöhten und das Qualitätsbewusstsein der Kunden abnahm, entschloss sich das Ehepaar Bayer 1977 zur Auflösung ihres Wertmöbelgeschäftes “Ihr Heim”. Am letzten Verkaufstag standen viele langjährige Kunden vor und in dem Geschäft, um ein letztes Souvenir zu erstehen - sogar eine Rolle Polstergarn aus der Werkstatt sei verkauft worden, berichtete Frau Bayer.

 Im Ruhestand zog sich das Paar nach Schleswig-Holstein zurück, wo es 15 Jahre in einem Haus an einem See lebte. Die Lage in der geteilten Stadt war für die Bayers problematisch, da Herr Bayer unmittelbar vor dem Mauerbau geflohen war. Sie fürchteten für den Fall einer Übernahme West-Berlins durch die damalige Sowjetunion, Sanktionen gegen ehemalige „Republikflüchtlinge“.

 Nach dem Mauerfall 1991 kehrte die Normalität im Leben der Berliner zurück und es war diesbezüglich nichts mehr zu befürchten.

 Im Jahr 1992 siedelten Frau Bayer und ihr Ehemann zurück nach Berlin. Nach dem Tod ihres Mannes im folgenden Jahr begann Frau Bayer eine intensive Reisetätigkeit ins europäische Ausland; unter anderem erkundete sie die Inseln des Mittelmeers. Heute lebt Frau Bayer in Lankwitz in einem gepflegten sozialen Umfeld.

 Die 100 Jahre Lebenserfahrung sieht man der Dame nicht an, doch im Gespräch mit der Zeitzeugin leben viele Facetten der Vergangenheit wieder auf. Wir danken der Jubilarin für die interessanten Einblicke in ihre Geschichte Berlins!

Gertrud Bayer (links) im Gespräch mit unserem Vorstandsmitglied Elisabeth Schroll

4. 9. 2020

Lutz Röhrig

 lortzing club2

Bauherrin des Gebäudes, das den Namen Lortzingclub trägt, war Hertha Bartel, welche das Grundstück an der Lichtenrader Lortzingstraße im Jahr 1937 zum Zweck der Errichtung eines privaten Wohnhauses erworben hatte. Auf Grund des Berufsstandes ihres Mannes Paul Bartel – er war leitender Ingenieur der NS – Organisation Todt und hier zuständig für den Autobahnbau – war jedoch auch die Errichtung von Büro- und Repräsentationsräumen vorgesehen. Hierzu gehörten eine doppelständige Garage und ein großes Schwimmbecken im Garten des Hauses. Die offenbar vorhandene Kenntnis von den weiteren Absichten des NS – Regimes sorgten dafür, dass eine aufwendige Luftschutzanlage mit doppelter Gasschleuse und einer besonders verstärkten Massivdecke im Kellerbereich mit eingeplant und ausgeführt wurde. Errichtet wurde das Gebäude in der Zeit von Juli 1938 bis Frühjahr 1939 von dem Architekten Heinrich Sander.

Berliner Geschichte - Die Oranier in Berlin13.07.2020
Übergabe des ersten Exemplars der Ausgabe der VfdGB-Zeitschrift ‘Berliner Geschichte‘, Nr. 22/2020, mit dem Titel „Die Oranier in Berlin“ • Empfang in der niederländischen Botschaft am 25. Juni 2020

Anlässlich eines persönlichen Empfangs in der niederländischen Botschaft am 25. Juni 2020 überreichte Dr. Manfred Uhlitz, Vorsitzender des Vorstands des Vereins für die Geschichte Berlins e. V., gegr. 1865 (kurz VfdGB), gemeinsam mit Dr. Dirk Palm, Geschäftsführer des Elsengold Verlags und VfdGB-Mitglied, und David Hakkenberg, VfdGB-Mitglied, ein quasi druckfrisches Exemplar der soeben erschienenen Ausgabe der ‘Berliner Geschichte‘, Heft 22/2020, an Seine Exzellenz Wepke Kingma, Botschafter der Niederlande in Deutschland. Der Botschafter zeigte sich erfreut und sehr interessiert an den Themen, u.a. „Das niederländische Palais Unter den Linden“, „Hohenzollern und Oranier“ sowie „Das Berliner Schloss und die Oranier“. In einem freundlichen Gespräch, an dem auch die Botschaftsrätin Beate Gerlings teilnahm, waren die guten Beziehungen des Königreichs der Niederlande mit seinem deutschen Nachbarstaat (und umgekehrt natürlich) Gegenstand des Meinungsaustausches. Dr. Uhlitz hatte zuvor über die mehr als 150jährige Vereinsgeschichte informiert, danach stellte Dr. Palm die neue Ausgabe vor und und berichtete über die Historie der Zeitschrift.

Der Autor dieses Textes ist seit 55 Jahren Mitglied des Vereins für die Geschichte Berlins und erzählt von seinen Erlebnissen im geteilten Berlin

9. 7. 2020

Eine Teilung Berlins gab es schon vor dem Mauerbau, denn Berlin bestand nach dem Ende des zweiten Weltkriegs aus vier Sektoren, den drei Westsektoren und dem Ostsektor. Der Unterschied zu der Zeit nach dem Mauerbau bestand darin, dass man mehr oder weniger frei und unkontrolliert zwischen Ost und West und West und Ost „pendeln" konnte.

Als es den Westberlinern wirtschaftlich „dreckig" ging, zumindest den arbeitslosen, den geringverdienenden, den Menschen mit geringer Rente usw., kauften Westberliner im Osten ein. Das war insbesondere dadurch günstig, dass man mit seinem Westgeld das Mehrfache in Ostmark bekam, wenn man die Gelder in einer Wechselstube zum Tageskurs tauschte und dadurch die Ausgaben niedrig halten konnte. Ohne jetzt die genauen Zeiten erinnern zu können, betrug der Wechselkurs einige Zeit lang 1 : 7, sogar 1 : 11.

17. 6. 2020

 Ingrid Ludwig

Bei Kriegsende im Mai 1945 war ich sechs Jahre alt. Meine Erinnerungen sind also nicht sehr intensiv. Ich war zu dieser Zeit mit meiner Mutter in der Schorfheide in einem Dorf, in dem meine Großeltern einen kleinen Bauernhof besaßen. Die Nähe zu Berlin zeigte sich darin, dass wir die Flugzeuge der Alliierten hörten und sahen, erleuchtet durch „Weihnachtsbäume“ am Himmel, die ihnen die Abwurfgebiete kennzeichnen sollten.

Als das Ende des Krieges nahte, wollten die Dorfbewohner sich sowie ihr Hab und Gut retten und haben dahingehend Vorsorge getroffen, dass sie tief im Wald Gruben aushoben, die dann mit Zweigen bedeckt wurden. Dort haben wir uns versteckt. Auch das Großvieh war in den Wald getrieben und dort angebunden worden.