Christel Haim

1. 7. 2020

Um auch den Mitgliedern ohne Internetzugang die Möglichkeit zu geben, persönliche Geschichten im Blog zu teilen, führen wir derzeit telefonisch Interviews und befragen unsere Mitglieder zu ihren Erinnerungen an Berliner Geschichte. Der nachfolgende Text basiert auf den Aussagen unseres Mitglieds Christel Haim:

 

Die letzten Kriegsjahre verbrachten meine Mutter und ich in Schlesien. Irgendwann kam der Befehl, alle Deutschen sollten zurück nach Deutschland. So wurden wir also in einen Zug gesetzt, der uns in die Nähe von Passau brachte. Als wir dann wiederum von dort nach Berlin geschickt worden waren, kamen wir eines Abends am Anhalter Bahnhof an. Das Bahnhofsgebäude war zerstört, die Gleise aber intakt. Zum Zeitpunkt unserer Ankunft war bereits Sperrstunde – das heißt, wir durften das Bahnhofsgelände nicht verlassen und saßen bis zum nächsten Morgen fest. Als wir uns schließlich auf den Weg machen durften, konnten wir nicht direkt zu unserer alten Wohnung – die Brücke auf dem schnellsten Weg dorthin war zerstört.

Die ersten Jahre in der Ruinenstadt Berlin waren sehr hart. Wir hatten glücklicherweise unseren Kleingarten zurückbekommen, sodass wir zumindest ein wenig Obst und Gemüse ernten konnten und nicht nur von den spärlichen Lebensmittelrationen leben mussten. Die Berlin-Blockade brachte neben weiterer Verknappung der Lebensmittel durch die Care-Pakete auch bis dahin unbekannte Nahrungsmittel wie Trockenkartoffeln. Dazu gab es Rezeptbüchlein in englischer Sprache; eines hatte ich damals in deutscher Übersetzung. Das wäre heute interessant zu lesen, leider besitze ich es nicht mehr.

Außer an Nahrung fehlte es vor allem an Wohnraum. Ganze Straßenzüge waren zerstört; als ich am Nollendorfplatz meine Ausbildung begann, hatte man von dort bis zum Bayerischen Platz freie Sicht. 1961 zogen mein Mann und ich nach Wilmersdorf, noch zu dieser Zeit war die Nachodstraße auf einer Seite nur von Ruinen bestanden.

Im selben Jahr wurden wir dann durch den Mauerbau von Teilen der Familie getrennt, meine Oma beispielsweise lebte in Ost-Berlin. Mein Mann und ich waren häufiger im Ostteil der Stadt; die Grenzkontrollen an der Friedrichstraße oder der Chausseestraße waren sehr unangenehm. Die Grenzbeamten waren meist unfreundlich und pingelig, kleine Verstöße gegen die Benimmregeln konnten dazu führen, angeschrien zu werden. Damit musste man leben.

Insgesamt bin ich sehr glücklich darüber, die letzten 75 Jahre in Frieden gelebt zu haben. Es waren sehr harte Zeiten, die jüngeren Generationen können sich gar nicht mehr vorstellen, wie es damals war. Trotzdem kann ich manche Beschwerden nicht verstehen – wir alle haben zu Essen und ein Dach über dem Kopf. Und obwohl die Zeiten damals schwieriger waren, gab es mehr Solidarität, Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt unter den Menschen. Davon würde ich mir wieder mehr wünschen, vor allem in Zeiten von Corona.

 

 

17. 6. 2020

 Ingrid Ludwig

Bei Kriegsende im Mai 1945 war ich sechs Jahre alt. Meine Erinnerungen sind also nicht sehr intensiv. Ich war zu dieser Zeit mit meiner Mutter in der Schorfheide in einem Dorf, in dem meine Großeltern einen kleinen Bauernhof besaßen. Die Nähe zu Berlin zeigte sich darin, dass wir die Flugzeuge der Alliierten hörten und sahen, erleuchtet durch „Weihnachtsbäume“ am Himmel, die ihnen die Abwurfgebiete kennzeichnen sollten.

Als das Ende des Krieges nahte, wollten die Dorfbewohner sich sowie ihr Hab und Gut retten und haben dahingehend Vorsorge getroffen, dass sie tief im Wald Gruben aushoben, die dann mit Zweigen bedeckt wurden. Dort haben wir uns versteckt. Auch das Großvieh war in den Wald getrieben und dort angebunden worden.

Es gab mutige Männer, die sich aus den Verstecken gewagt haben und die Lage im Dorf zu erkunden suchten. Als sie dann meldeten, dass die Russen im Dorf seien, haben sich mehrere Männer mit weißen Tüchern als Zeichen des Ergebens aus dem Wald auf den Weg gemacht und sind den Russen entgegengetreten. Auf diese Weise kam es zu einer friedlichen Übergabe des Dorfes.

An den folgenden Tagen jedoch wurde viel geplündert: Fahrräder gestohlen, Pferde konfisziert, Wertsachen aufgespürt und mitgenommen. Manche Evakuierte hatten auch Möbel und wertvolle Gegenstände im Garten oder auf dem nahen Feld vergraben und Korn darauf gepflanzt. Aber die Russen kannten diese Methode und haben mit sehr langen Eisenstangen so manche Schätze aufgefunden.

Bald kehrten meine Mutter und ich nach Berlin zurück. Zum Glück ging es meinem Vater gut, der als „systemrelevanter“ Reichsbahner in Berlin geblieben war, und unser Haus war nicht ausgebombt, nur der Seitenflügel war zerstört. Aber ringsum gab es nur Ruinen, mit denen wir noch viele Jahre leben mussten.

 17. Juni 2020

 Ingrid Ludwig

Am Sonnabend, dem 12. August 1961, war ich in meiner Eigenschaft als Angestellte des Ostberliner Deutschen Reisebüros Reisebegleiterin für sechs Reisebusse mit Westberlinern, die zu den Ruderausscheidungskämpfen auf dem Templiner See bei Potsdam wollten und bei dieser Gelegenheit die Sehenswürdigkeiten in Potsdam besichtigen wollten.

Angeregt durch die sehr interessanten Eindrücke des Tages, beschloss ich nach Beendigung meiner beruflichen Verpflichtung, an diesem schönen Sommerabend noch zu meiner Freundin nach Tempelhof zu fahren, und zwar wie schon oft mit der S-Bahn. Dabei war schon sehr merkwürdig, dass es einen sehr langen Aufenthalt auf dem Bahnhof Treptower Park gab, ohne dass Polizisten, die üblicherweise die Züge kontrollierten, zu sehen waren.

Bei meiner Freundin wurde gerade eine Party gefeiert. Gegen 1:00 Uhr war dann allgemeiner Aufbruch. Ich ging wieder zum S-Bahnhof und sah gerade noch die Schlusslichter der S-Bahn Richtung Frankfurter Allee, wo ich hin wollte.

Nach einiger Zeit gab es die Ansage, dass kein Zug mehr in dieser Nacht käme und „ob morgen einer kommt, ist nicht gewiss.“ Es war inzwischen gegen 2:30 Uhr, als ich meine Freundin aus nächtlichem Schlaf klingelte. Auf dem Sofa konnte ich nächtigen. Gegen 7:00 Uhr wurde der Mann meiner Freundin (damals Kameramann bei der Abendschau) telefonisch aufgefordert, sich drehbereit zu machen, denn in der Nacht sei die Grenze dicht gemacht worden.

Am Sonntagvormittag rief ich bei meinen Verwandten an, die auch in Tempelhof wohnten und noch nichts von den Ereignissen der Nacht gehört hatten. Dort befand sich auch meine Tante, die am Tag zuvor aus der Uckermark nach Westberlin gefahren war, um ihren Sohn und Familie zu besuchen. Ich fuhr nun dorthin und wir beratschlagten gemeinsam, wie wir mit dieser Situation umgehen sollten. Als Westberliner konnte man noch nach Ostberlin fahren; Telefonverbindungen zwischen Ost und West gab es nicht. Meine Cousine zog sich alte Kleidung und Schuhe an und fuhr zu meinen Eltern, um ihnen die bedrückende Mitteilung zu machen, dass weder ich noch Mutters Schwester zurückkommen würden. Mit Kleidung aus meinem Bestand kehrte meine Cousine später – ihre Heimkehr wurde lange mit bangen Gefühlen erwartet - von meinen bestürzten Eltern aus Ostberlin zurück.

Ich konnte in den nächsten Wochen bei meiner Freundin wohnen, mit einem Sofa unter der Kellertreppe. Wir waren nun sechs Erwachsene (alle zwischen 22 und 25 Jahre alt) und ein Kleinkind in ihrem kleinen Haus. Obwohl die Situation bedrückend war, denn wir alle waren von Eltern und Freunden getrennt, kam bald der jugendliche Frohsinn zurück und es wurde wieder gefeiert.

Zu meinen Eltern bestand in dieser Zeit leider nur Briefkontakt. Mein Vater war 14 Tage lang krank vor Kummer, dass seine einzige Tochter nun unerreichbar war. Auch meinen Freundinnen schrieb ich. Während zwei liebe Freundinnen, mit denen ich noch heute befreundet bin, verschlüsselt ihre sorgenvollen Gedanken zum Ausdruck brachten, war eine weitere überzeugt, dass der Sozialismus siegen und der Kapitalismus untergehen und ich meinen Schritt bereuen würde. Sie gab meine Briefe an den Parteisekretär unserer gemeinsamen Arbeitsstelle weiter, wie ich später aus meiner Stasi-Akte ersehen konnte.

In den nächsten Wochen schickten meine Eltern mehrere Pakete an irgendwelche Bekannte in Westberlin, damit ich in den Besitz einiger persönlicher Sachen kommen konnte, denn es fehlte mir an allem.

Ende August begann der Unterricht am Askanischen Gymnasium in Tempelhof. In zwei „Ostklassen“ wurden diejenigen zusammengefasst, die in Westberlin das Abitur nachmachen wollten, um anschließend studieren zu können. Da viele junge Leute in der gleichen Situation waren wie ich, gewöhnte ich mich schnell an die neuen Verhältnisse.

Ich hatte es mit meinen 22 Jahren sogar besser als diejenigen, die zwischen 18 und 21 Jahre alt waren, denn diese wurden, sofern sie nicht mit Verwandten zusammenwohnen konnten, im Heim untergebracht (Im Osten bereits volljährig, waren sie dies in Westberlin nicht). Ich dagegen suchte mir eine Bleibe bei einer amerikanischen Familie als Babysitter in der Siedlung am Oskar-Helene-Heim. Dort ging es mir zwar gut, aber die Trennung von den Eltern und den Freundschaften im Osten war schmerzlich und die Einsamkeit groß.

Wir Ostler wurden finanziell außer vom Senat auch unterstützt vom Staatsbürgerinnen-Verband. Engagierte Bürgerinnen verhalfen uns im Herbst 1961 zur ersten Reise zum Internationalen Haus Sonnenberg im Harz, wo wir mit vielen jungen Leuten aus dem Ausland zusammentrafen und ganz neue Eindrücke gewannen. Bei einer Rundfahrt durch den Harz standen wir an der bereits befestigten Zonengrenze, nun aber auf der freiheitlichen Seite.

Bei diesem Aufenthalt konnte ich zum ersten Mal seit dem 12. August meine Eltern am Telefon sprechen, denn von Westdeutschland in den Osten bestanden Verbindungen, nicht jedoch von Ost- nach Westberlin.

 

12. Juni 2020

Aus einem Brief von Bernhard Wille an Gerhard Keinhorst vom 23. Juni 2018:

Im Januar 1945 kam die unangenehme Überraschung für mich, dass ich am 1. Februar 1945 zum Volkssturm eingezogen werden sollte. Meine Zurückstellung bis 30. Juni 1945 interessierte niemand mehr, jeder Mann zwischen 16 und 60 Jahren musste, wenn er nicht den Kopf unter dem Arm trug, zum Volkssturm. Hier war ich der einzige junge Mann unter lauter Männern, die altersmäßig meine Väter hätten sein können.

Als es am Morgen des 20. April 1945 hell wurde, ging es los. Inzwischen hatten die Russen Berlin eingeschlossen und griffen auch von Südwesten an. Wir wurden zunächst in Kleinmachnow eingesetzt. Unsere nächste Einsatzstelle war im Fischerhüttenweg zwischen Schlachtensee und Krumme Lanke. Die beiden Seen liegen nicht weit auseinander und diesen Engpass sollten wir verteidigen. Einen Tag lang waren wir dort, dann wurde es kritisch und am Abend und in der Nacht zogen wir uns durch den Grunewald zurück.

2. 6. 2020

Jürgen Rambow

Meine Geschichte

Zum Ende des 2. Weltkrieges erinnere ich mich ( Jahrgang 40 ) an einen ausgebrannten Panzer in einer Nebenstraße und an den Panzergraben in der Parallelstraße. Wir wohnten in einem Vorort von Berlin, das Haus war von einer Bombe beschädigt und im Garten wurden Kartoffeln und Gemüse angebaut. Meine Mutter ging mit mir „ hamstern“, bei den Bauern der Umgebung nach Lebensmittel fragen und auf den Feldern haben wir zurückgelassene Ähren gesammelt um Brot zu backen.

Später in der Schule gab es noch Schichtbetrieb, aber mit Schulspeisung.