Stralau
Von Reinhardt Link

Dorf und ehemalige Landgemeinde Stralau liegen auf der Stralauer Halbinsel, begrenzt vom Rummelsburger See im Norden, der Spree im Süden und Osten und dem Markgrafendamm im Westen. Die Landgemeinde Stralau wurde 1920 bei der Gründung Groß-Berlins als Teil des Bezirks Friedrichshain nach Berlin eingemeindet. Seit 1.1.2001 ist Stralau Teil des im Zuge der Gebietsreform gebildeten Verwaltungsbezirks Friedrichshain-Kreuzberg.

Aktuelle Daten:
Die ehemalige Landgemeinde Stralau umfasst 112 ha. Fläche bei 1853 Einwohnern (am 31.12.2002).

Bis 2015 ist der Bau neuer Wohnquartiere mit Grünanlagen geplant, mit deren Entwicklung das Land Berlin die Wasserstadt GmbH treuhändlerisch beauftragt hat.

Fahrverbindungen: S-Bahnhof Treptower Park, S-Bf. Ostkreuz, Bus 147, 194.

Die Geschichtliche Entwicklung:
Zahlreiche Funde (vor allem Werkzeuge und Scherben) aus frühgeschichtlicher, germanischer und wendischer Zeit belegen eine Besiedlung der Stralauer Gegend. Ein slawischer Burgwall wurde auf dem Ende des 19. Jahrhunderts abgetragenen Kreuzbaum (an der Spitze des heutigen Treptower Spreeparks) nachgewiesen, ein weiterer auf der Stralauer Spitze vermutet. Der Ortsname wurde wohl von wendisch "strala" oder "strela", das heißt Pfeil, abgeleitet. 1244 wurde ein Ritter von Stralow als Zeuge in einer Urkunde genannt, ohne dass dieser mit Stralau in Zusammenhang gebracht werden kann. Dagegen dürfte der 1261 genannte Ritter Rudolf von Ystralowe mit Stralau zusammenhängen. 1996 wurden bei archäologischen Grabungen Befestigungen nachgewiesen, die wohl einen frühen Hof auf der Inselspitze schützten, ehe dieser vermutlich im 13geschichteberlins/berlinabc/stichworteot/14. Jahrhundert zur Mitte der Halbinsel verlegt wurde.

Das Dorf Stralow selbst wurde 1288 zum ersten Male erwähnt. Im 14. Jahrhundert kamen das Dorf und der See (heutiger Rummelsburger See) in den Besitz der Städte Berlin und Cölln (der Hof - "curia" - wurde 1358 erworben), seit 1534 in den alleinigen Besitz Berlins. Lediglich für einige Jahrzehnte wurden Dorf und See zwischenzeitlich einmal verpfändet, verkauft oder verpachtet. Stralau war über Jahrhunderte Fischerdorf mit elf ansässigen Fischern. Die Fischereirechte und die Abgaben der Fischer wurden vom Berliner Rat geregelt. Die Fischer waren freie Besitzer ihrer Höfe. Die Gerichtsbarkeit lag beim Berliner Rat, seit 1879 wurde Stralau dem Amts- und Landgericht II in Berlin unterstellt. Die Polizeigewalt, anfänglich vom Kreise Niederbarnim ausgeübt, lag seit 1810 beim Berliner Polizeipräsidenten. Der Rummelsburger See, der bis ins 19. Jahrhundert noch Stralower See geheißen hatte, gehörte bis 1856 zum Gemeindebezirk Stralau und wurde dann dem Berliner Kämmereigutsbezirk Boxhagen-Rummelsburg zugeschlagen. Verwaltungstechnisch wurden Stralau, Boxhagen und Rummelsburg 1874 zu einem Amtsbezirk zusammengeschlossen. Der Sitz des Amtsvorstehers war Stralau. Der Amtsbezirk wurde Stralau genannt, während Dorf und Landgemeinde bis 1891 noch den alten Namen Stralow behielten.

1889 wurde der Gutsbezirk Boxhagen-Rummelsburg aufgelöst und in eine Landgemeinde umgewandelt, die 1912 in die Stadtgemeinde und Stadtkreis Lichtenberg eingemeindet wurde (Gesetz vom 9.4.1912).
Die Landgemeinde Stralau dagegen gehörte zum Kreis Niederbarnim des Regierungsbezirkes Potsdam - bis schließlich mit der Bildung der Stadtgemeinde Berlin im Jahre 1920 Stralau aufhörte, ein eigener Ort zu sein.

Seit Ende des 18. Jahrhunderts wurde der "Stralauer Fischzug" sehr populär und Stralau als Ausflugsziel bei den Berlinern immer beliebter. 1817 hatte Stralau 76 Einwohner. 1842 war die Chaussee von Berlin ausgebaut worden. Viele Berliner zog es nach Stralau. Rudervereine wählten Stralau zu ihrem Sitz, als erster 1835 die Tavernegesellschaft. Innerhalb von vierzig Jahren bis 1855 verdoppelte sich die Einwohnerzahl auf 143. Als die Eisenbahn den Berlinern dann auch weitere Ausflüge erlaubte, wurde es wieder etwas stiller in Stralau, ehe die zunehmende Industrialisierung und der Aufschwung der Gründerzeit in Stralau zwischen 1880 und 1900 eine Vielzahl industrieller und gewerblicher Betriebe entstehen ließ:
Teppichfabrik Protzen (1865), Berliner Jutespinnerei und Weberei (1883), Rengert Palmkernöl- und Schwefelkohlenstoff-Fabrik (1881), Asphalt-Fabrik, Schaarschuhsche Brauerei - später Engelhardt - (1887), Mörtelwerke Weidner (1889), Maschinenfabrik Grauert (1888), Stralauer Flaschenfabrik - später Glashütte - (1889), Bootswerft von Deutsch (1888).
Die Einwohnerzahl stieg vor allem infolge des Zuzugs von Arbeitskräften von 738 (1886) auf 1682 (1900) und 4127 (1910). Dies machte nach 1885 den Ausbau der Dorfstraße (seit 1900 "Alt-Stralau") erforderlich.

1889 erhielt der Ort Straßenbeleuchtung mit Gas, die 1900 durch elektrisches Licht ersetzt wurde und ab 1909 wieder durch Gaslicht. 1894 wurde Stralau an die Berliner Wasserversorgung angeschlossen. Seit 1900 gab es Kanalisation.
1871 war der Ringbahnhof Stralau (heute: Ostkreuz) eröffnet worden (1871 für den Güterverkehr, 1872 auch für den Personenverkehr), der 1882 zum Bahnhof Stralau-Rummelsburg für die Stadtbahn, die Niederschlesisch-Märkische Eisenbahn und die Ostbahn ausgebaut wurde. Auf der anderen Seite des Rummelsburger Sees hatte Rummelsburg bereits seit 1867 einen Bahnhof der Niederschlesisch Märkischen Eisenbahn.

Von den Folgen des Zweiten Weltkrieges hat sich Stralau bis heute nicht erholen können. Die Industrieanlagen waren ebenso zerstört worden wie die Wohnungen, von den Ausflugslokalen blieben nur Erinnerungen. Das Stadtbezirksbauamt Friedrichhain hatte zwar schon 1959 beziehungsweise 1962 eine Mischung von Parklandschaft mit Uferpromenade, zwei- bis dreigeschossiger Wohnbebauung, Sportanlagen, Restaurants und Arbeitsstätten (im westlichen Bereich der Halbinsel: Brauerei, Glasfabrik) geplant, jedoch wurde davon nicht viel umgesetzt. Nach der Wende 1990 wurden die vorhandenen Industriekombinate, das Stralauer Glaswerk und die Engelhardt-Brauerei geschlossen. Gaststätten sucht man vergeblich. Der Garten der Künste, in dem man im Sommer noch Kaffee und Kuchen bekam, fiel jüngst dem geplanten Uferwanderweg zum Opfer, und ob die Entwicklungsgesellschaft der Wasserstadt GmbH die Stralauer Halbinsel angesichts leerer Kassen und fehlender Infrastruktur zu neuem Leben erwecken kann, bleibt abzuwarten.

Der Stralauer Fischzug
Das bekannte Stralauer Volksfest fand am Bartholomäustag (24. August) statt, seit wann ist unbekannt. Seit 1574 war das der Tag, an dem laut Edikt des Kurfürsten Johann Georg die Schonzeit der Fische endete und wieder mit Großgarn gefischt werden dürfte. Das erste Mal erwähnt wurde das Fest 1780. Das Fest, zu dem 1841 50 000 Besucher kamen, eskalierte immer häufiger. Der königliche Hof blieb ihm deshalb seit 1846 fern, und 1873 wurde es verboten.
Nach 1880 wurde es wiederbelebt, jedoch als Fest der Gartenlokale. Gartenlokale gab es viele in Stralau: "Schwanenberg", "Zum Tunnel", "Alte Taverne", "Tübbecke", "Zum Storchennest", "Alter Krug" - um nur einige zu nennen.
Nach Unterbrechungen durch die Weltkriege wurde das Fest 1954-1962 nochmals aufgenommen. Spätere Versuche in einzelnen Jahren nahmen mehr und mehr den Charakter kommerzieller Veranstaltungen und hatten wenig mit dem alten Volksfest gemein.

Denkmalliste Stralau
Alt-Stralau, Unterführung, 1903
Alt-Stralau 3-4, Fabrikgebäude, nach 1896
Alt-Stralau 18, Karl-Marx-Gedenkstätte, 1964 von Hans Kies
Alt-Stralau 34, Turnhalle der ehem. Gemeindeschule Alt-Stralau, 1928 von Meurer
Alt-Stralau 63-67, Glaswerke Stralau, altes Werkstattgebäude, 1921
Alt-Stralau 63-67, Glaswerke Stralau, Verwaltungsgebäude, 1918-19
Alt-Stralau 66, Glaswerke Stralau, Wohnhaus, um 1905
Bahrfeldtstraße 2, Mietshaus, um 1912
Bahrfeldtstraße 27, Speichergebäude der Palmkernölfabrik, 1883-85 von Albert Diebendt
Tunnelstraße 5-11, Dorfkirche Alt-Stralau auf dem Friedhof der Ev. Kirchengemeinde Alt-Stralau, 1459-64, Turm 1823-24 von Friedrich Wilhelm Langerhans
Tunnelstraße 5-11, Kapelle auf dem Friedhof der evangelischen Kirchengemeinde Alt-Stralau, 1912
Gartendenkmal Tunnelstraße 5-11
Tunnelstraße 5-11, Kriegerdenkmal auf dem Friedhof der Ev. Kirchengemeinde Alt-Stralau, vor 1929
Tunnelstraße 12, Verwaltungsgebäude des Straßenbahnbetriebshofes Stralau, 1899
Tunnelstraße 13-24, Transformatorensäule, nach 1900

Die bedeutendsten dieser Denkmäler sind die Kirche und der Tunnel. Die Kirche wurde 1464 eingeweiht. Durch Unwetter wurde der Kirchturm mehrfach beschädigt. 1823 wurde der Turm durch Friedrich Wilhelm Langerhans neu gestaltet. Baufälligkeit machte 1936 Baumaßnahmen erforderlich. Nach Teilzerstörung durch Bomben 1945 erfolgte die Wiedereinweihung 1949. In den neunziger Jahren Sanierungsarbeiten. Erwähnenswert sind der Altar (um 1500, Leihgabe der Kirche zu Massen bei Finsterwalde, gemalte Altarflügel als Leihgabe des Doms zu Brandenburg), der Taufstein (älter als Kirche, 13geschichteberlins/berlinabc/stichworteot/14. Jh.), spätgotische Glasmalereien in zwei Fenstern und die kleine Glocke von 1545.

Der Tunnel unter der Spree wurde 1896-99 als Verbindung zwischen Treptow und Stralau gebaut. Er war zugleich ein Testbau für die U-Bahn, denn zum ersten Male wurde der Schildvortrieb unter einem Fluss angewendet. Eine Straßenbahn der Berliner Ostbahnen vom Schlesischen Bahnhof bis Treptow durchfuhr den Tunnel von 1899 bis 1932 (sog. "Knüppelbahn"). Danach wurde der Tunnel noch als Fußgängertunnel genutzt, im Zweiten Weltkrieg diente er als Luftschutzraum. Danach wurde er wegen eindringenden Wassers geschlossen und 1968 zugeschüttet.

Gedenkstätten, Museen
Karl-Marx-Gedenkstätte, Alt-Stralau 18. Sie erinnert an den Aufenthalt von Karl Marx in Stralau.

Persönlichkeiten
Julius Tübbecke (1824-1911), Maler, Fischereibesitzer und Gastwirt des bekannten Wirtshaus Tübbecke in Alt-Stralau 22.

#Franz Tübbecke (1856-1937), Bildhauer, Meisterschüler von Reinhold Begas. Seine Werkstatt befand sich Markgrafendamm 14.

Louis Hugo Kracht (1865-1925), Kommunalpolitiker, Amts- und Gemeindevorsteher in Stralau. Er wohnte Alt-Stralau 23.

Karl Marx (1818-1883) wohnte im Sommer und Herbst 1937 in Stralau. Er weilte hier zur Erholung und zum Selbststudium. Strittig ist, ob er damals Alt-Stralau 18 (wo sich die Gedenkstätte befindet) oder Alt-Stralau 25 wohnte.

Heinrich Zille (1858-1929) wohnte zeitweise in Rummelburg und hielt sich oft in Stralau auf. In "Die Nebelkrähe" schrieb er über das Gasthaus Tübbecke, den Gastwirt Julius Tübbecke und dessen befreundeten Maler Rabe, der betrunken in den Stralauer Sumpfwiesen umkam.

Theodor Fontane (1819-1898) setzte Stralau und dem Gasthaus Tübbecke in seinen Romanen "Irrungen und Wirrungen" und "L'Adultera" sowie im "Stechlin" ein Denkmal.

Adolf Glaßbrenner, der Satiriker, würdigte Stralau in seinem 1833 veröffentlichten "Berliner Holzhauer und Beschreibung des Stralauer Fischzuges".

Literatur
Wanja Abramowski: Siedlungsgeschichte des Bezirks Friedrichshain von Berlin bis 1920, Heimatmuseum Friedrichshain, Berlin, 2000.

Literatur aus den Publikationen des Vereins für die Geschichte Berlins:
Otto Heilmann: Stralau und seine Geschichte, in: MVGB 46, 1929, H. 3, S. 73-101.
Hermann Kügler: Zum Stralauer Fischzug, in: MVGB 46, 1929, H. 3, S. 101-106.
Kurt Brockerhoff: Zu den bildlichen Darstellungen des Stralauer Fischzugs aus der Zeit um 1830, in: MVGB 46, 1929, H.3, S. 107-113.
Christoph Voigt: Stralau und seine Geschichte, in: MVGB 47, 1930, H. 1, S. 37-38.

2003