Von Andrea Reichenberger, Uni Paderborn

Können wir aus der Geschichte lernen? Im Zuge der Corona-Pandemie haben derzeit historische Rückblicke und Parallelen Hochkonjunktur. Plötzlich tritt ins breite Bewusstsein, was weitestgehend aus dem kollektiven Gedächtnis entschwunden war: Epidemien und Pandemien hat es immer schon gegeben. Sie sind ein Teil der Menschheitsgeschichte.

Zwar wurde auch hier zu Lande über Schweinegrippe, Ebola oder SARS berichtet und davor gewarnt. Der Kampf gegen diese Infektionskrankheiten schien jedoch weit weg und bestenfalls Expertensache. Man wägte sich in Sicherheit, verließ sich auf den medizinischen Fortschritt und auf ein gut funktionierendes Gesundheitssystem. Das änderte sich, als die Auswirkungen und Todesfälle der COVID-19-Infektionen in Italien und bald schon in anderen Ländern bekannt wurden und am 11. März 2020 die WHO die bisherige Epidemie offiziell zu einer Pandemie erklärte. Nun wurden Vergleiche mit der Pest, Cholera und der Spanischen Grippe gezogen und zum Thema von Talk-Shows und publikumswirksamen Debatten gemacht. Aber was kann man aus solchen Vergleichen wirklich lernen? Dieser Frage soll hier – in Form eines historischen Rekurses – nachgegangen und eine Antwort auf eine alte und doch ewig junge Frage gesucht werden: Können wir aus der Geschichte lernen?

Im Jahre 1837 erschien im Verlag Ferdinand von Eßmann in Münster ein Buch mit dem Titel Die Influenza oder Grippe nach den Quellen historisch-pathologisch dargestellet. Der Autor war Gottlieb Gluge. 1812 zu Brakel in Westfalen geboren, studierte Gluge in Berlin Medizin und ließ ich in Minden als Arzt nieder. 1838 erhielt er eine Professur an der Universität Brüssel. Von Rudolf Virchow, dem berühmten Begründer der Zellularpathologie, wurde Gluge für seine Forschungen zur Histopathologie scharf kritisiert. Aus heutiger Sicht zu Recht. Gluge wusste nichts von moderner Zellforschung, die sich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts etablierte.

Bisher kaum beachtet wurden Gluges Untersuchungen zur Geschichte der Epidemien. Akribisch, mit den damals zur Verfügung stehenden Mitteln, dokumentierte Gluge in seinem Buch die Geschichte der Influenza-Epidemien von 1327 bis 1833 und hielt die Ergebnisse in Tabellen fest. Er unterschied dabei zwischen Alter und Geschlecht, Vorerkrankten und Gesunden und machte Aussagen zur Letalität. Gluges Studie war, anders als man vermuten möchte, keine Rarität und Besonderheit. Historische Untersuchungen zu Epidemien wurden im Zuge der Industrialisierung im Laufe des 19. Jahrhunderts immer wichtiger, so dass 1910 der deutsche Internist, Seuchenforscher und Medizinhistoriker Georg Sticker über Die Bedeutung der Geschichte der Epidemien für die heutige Epidemiologie ausführlich referieren konnte. Sticker gehörte 1897 zu den Teilnehmern der unter Leitung von Georg Gaffky und Robert Koch geleiteten deutschen Expedition nach Bombay zur Untersuchung der dort ausgebrochenen Beulenpest. Es war Sticker gelungen, Floh und Ratte als Zwischenträger der Epidemie zu identifizieren. Unter den heutigen MedizinhistorikerInnen gilt Sticker, ein radikaler Vertreter der Rasseneugenik, als umstrittener Geist.

Doch zurück zur Epidemie-Geschichte: Zur gleichen Zeit, als Gluge Studien zur Influenza durchführte, löste die Cholera-Epidemie von 1830 eine globale Krise aus. Sie hatte ihren Ursprung in Indien, breitete sich via Handelswege nach Russland aus, von dort nach Mittel- und Westeuropa und schließlich in die USA. In Deutschland starben ungefähr eine halbe Million Menschen. Nach Bayern kam die Cholera 1836. „Traunstein, ein freundliches Städtchen an der Traun im bayerischen Gebirge, nicht ferne von Salzburg gelegen, zählt mit dem Salinenbezirke Au 3267 Einwohner, von denen auf die Saline 708 treffen“, ist in einem Bericht aus dem Jahr 1855 zu lesen. Es handelt sich um keine Reisebeschreibung, sondern um Max von Pettenkofers Untersuchungen und Beobachtungen über die Verbreitungsart der Cholera nebst Betrachtungen über Maßregeln, derselben Einhalt zu thun. Obwohl die Cholera damals in vielen Orten Bayerns grassierte, ist Traunstein dank Pettenkofer, damals Professor der medizinischen Chemie an der Universität München, in die wissenschaftlichen Lehrbücher eingegangen.

Pettenkofer machte sich vor allem Gedanken über die „streng lokale Begränzung“ der Cholerafälle auf die Schrödlgasse in Traunstein. „Die Krankheit griff den Haupttheil der Stadt, welcher seit etwa 5 Jahren, wo er fast gänzlich abgebrannt war, neu aufgebaut ist, durchaus nicht an,“ notierte der Professor und versuchte, mit Hilfe einer grafischen Darstellung den Weg, den die Seuche in Traunstein genommen hat, nachzuvollziehen, unterstützt vom Landgerichtsarzt Dr. Hell.

Pettenkofer vertrat die Hypothese, dass die Boden- und Grundwasserbeschaffenheit bei der Ausbreitung der Cholera eine entscheidende Rolle spielt. Während die Kernstadt auf Fels gebaut und frei von Cholerafällen geblieben sei, beginne in der Schrödlgasse der lockere Untergrund als Auffangfläche für Fäkalien und Abwasser und passend dazu sei auch hier die Cholera ausgebrochen. Wir wissen heute, dass nicht das Abwasser und Erdreich selbst, sondern die Verunreinigung mit Cholerabakterien die tatsächliche Infektionsursache war.

Die heute in der Epidemiologie übliche Ortsbesichtigung, statistische Erfassung und Auswertung des Seuchengeschehens – man denke an Heinsberg – wurde von Pettenkofer und seinen Schülern eingeführt. Pettenkofer avancierte zum ersten deutschen Professor für Hygiene und richtet als späterer Rektor der LMU und „Seuchenmanager“ einen ganzen Lehrstuhl für diesen neuen Bereich der Medizin ein. Pettenkofers Erkenntnissen ist es zu verdanken, dass München eine moderne Kanalisation mit getrennter, zentraler Trinkwasserversorgung erhielt. Auch Preußen und viele weitere Länder entdeckten die Hygiene, richteten entsprechende Ämter ein und sorgten für die entsprechende Infrastruktur. Forscher wie Louis Pasteur propagierten in populären Schriften und Vorträgen individuelle Hygienemaßnahmen wie Händewaschen und das Abkochen von Trinkwasser. Vor allem aber wurde die Städtehygiene und öffentliche Gesundheitssicherung zu einem enorm wichtigen Wirtschaftsfaktor.

Verschärfte Hygieneregeln, Isolationsmaßnahmen, Quarantäne für die Infizierten, Investitionen ins Gesundheitssystem – die grundlegenden Maßnahmen, die wir heute zur Eindämmung der Corona-Pandemie ergreifen, haben eine lange Geschichte und basieren auf diesem Erfahrungswissen. Das gilt auch für die Epidemiebekämpfung durch Impfungen. Der englische Begriff für Impfung, Vaccination, leitet sich vom lateinischen Wort für Kuh, vacca, her. Auch im Deutschen wird ein Impfstoff Vakzine, im Plural Vakzinen, genannt. Diese Wortwahl geht zurück auf die sog. „Kuhpocken“-Inokulation. Sie wurde erstmals vom Engländer Edward Jenner 1796 erfolgreich durchgeführt. Am 26. August 1807 wurde in Bayern als weltweit erstem Land eine Impfpflicht eingeführt. Baden folgte 1809, Preußen 1815, Württemberg 1818, Schweden 1816, England 1867 und das Deutsche Reich 1874.

Was passieren kann, wenn kein Impfstoff vorhanden und eine Seuchengefahr bagatellisiert oder sogar verschleiert wird, zeigt das Beispiel der Spanischen Grippe. Die Spanische Grippe, die von 1918 bis 1920 bis zu 50 Millionen Todesopfer forderte, hatte ursprünglich kaum etwas mit Spanien zu tun. Die Seuche nahm Anfang 1918 vermutlich in Haskell County im US-Bundesstaat Kansas ihren Lauf. Ihren spanischen Namen bekam sie aus politischen Gründen: Wegen der Pressezensur in den kriegführenden Staaten wie in den USA wurde dort kaum etwas über die anschwellende Grippewelle berichtet. Anders war das in Spanien, das am ersten Weltkrieg nicht beteiligt war. Als in Madrid im Mai 1918 bereits jeder dritte Einwohner erkrankt war, berichtete die spanische Presse ohne Zensur über die Seuche - und handelte ihrem Land den Namen der Seuche ein, obwohl die Katastrophe in den USA begonnen hatte. Schätzungen zufolge sollen zwischen den Jahren 1918 und 1920 zwischen 25 und 50 Millionen Menschen an der Grippe gestorben sein.

Der Historiker Eckard Michels hat in einem Forschungsartikel zur Spanischen Grippe aus dem Jahre 2010 in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte akribisch den Verlauf, die Folgen und die Deutungen der Epidemie in Deutschland im Kontext des Ersten Weltkriegs untersucht. Durch Fronturlauber, Verwundeten- und Kriegsgefangenentransporte gelangte die Krankheit Anfang Mai ins Deutsche Reich. Im Zuge der zweiten Welle kam es im Herbst 1918 zu erheblichen Einschränkungen, die das Postwesen, die Fernmeldeämter und den öffentlichen Nahverkehr betrafen. Aus Mangel an freien Betten war oftmals eine Isolation der Infizierten in den Krankenhäusern nicht möglich. In vielen Städten wie etwa Berlin müssten die Kranken bereits von den Hospitälern wegen Überfüllung abgewiesen werden.

Dennoch sprach der Reichsgesundheitsrat kein allgemeines Verbot von Versammlungen, Kulturver-anstaltungen und Gottesdiensten aus, wie es in einigen Kantonen der Schweiz und anderen Ländern erfolgt war. Dies stehe in keinem Verhältnis zu den wirtschaftlichen Nachteilen einer solchen Maßnahme und würde unter den derzeitigen Verhältnissen nur noch die Beunruhigung der Bevölkerung steigern, so der der Reichsgesundheitsrat. Ebenso sprach sich dieser gegen Schulschließungen aus, weil die Schulen oft die einzigen Speisestätten für die Kinder seien und die berufstätigen Frauen entlasteten. Man könne nur noch die Bevölkerung über die richtigen Verhaltensmaßregeln belehren: Es sei auf unbedingte Sauberkeit vor allem bei der Essenszubereitung zu achten. Man solle regelmäßig mit einer Salzlösung gurgeln, Menschenansammlungen meiden, bei den ersten Anzeichen einer Erkrankung alle Anstrengungen unterlassen und zum Arzt gehen.

Im Vergleich zu damals ist unser heutiges Wissen um Pandemien und Virusinfektionen unvergleichbar besser und fundierter. Erst das Elektronenmikroskop machte es möglich, Viren sichtbar zu machen. Das erste Virus, das kristallisiert werden konnte und dessen Struktur daher im Detail aufgeklärt werden konnte, war das Tabakmosaikvirus. Nach ersten Erfolgen durch Wendell Stanley gelang es Rosalind Franklin 1955 mittels Röntgenbeugungsbilder die Struktur des Tabakmosaikvirus vollständig zu entschlüsseln. In der Folgezeit haben Technologien wie genetische Sequenzierung und Protein-Visualisierungsmikroskope zu enormen Fortschritten in der Impfstoffherstellung geführt. In der Praxis ist jede Erzeugung und Erprobung eines Impfstoffes ein hochkomplexes Verfahren. Diese Tatsache gilt auch in Bezug auf einen möglichen COVID-19-Impfstoff, an dem derzeit Wissenschaftler weltweit fieberhaft forschen.

Die aktuelle Informationsflut über Fallzahlen und Todesfälle gestern und heute, im steten Abgleich zwischen verschiedenen Regionen und Ländern, das permanente Vergleichen mit früheren Pandemien, das vorsichtige Abwägen von Handlungsalternativen, das Insistieren auf fehlende Daten, Fakten und Sachverhalten, die hohe Unsicherheit von Prognosen etc. ist charakteristisch für die Krisensituation, in der wir uns derzeit befinden. Immer wieder wird der Vorwurf laut, dass die Regierung zu spät reagiert und bessere Vorsorge hätte treffen müssen. Tatsächlich aber folgen, bei aller Kritik und nicht zu leugnenden Versäumnissen, die jetzigen Maßnahmen ziemlich genau den Pandemie-Plänen, die seit Jahren in den Schubladen liegen und nicht zuletzt auf der Grundlage der Seuchenforschung und Epidemiologie entwickelt worden sind. Diese Forschung schöpft ihr Wissen aus der Geschichte, bietet eine Orientierung für Handlungsentscheidungen. Nichts anderes bedeutet „aus der Geschichte lernen“. Es liegt aber an uns und in unser aller Verantwortung, welche Entscheidungen wir treffen. Eines kann dabei nicht oft genug betont werden: Tatsache ist, auch das lehrt uns die Geschichte, dass von einer Pandemie oder Epidemie immer die sozial Schwächeren ungleich härter betroffen sind als die sozial Starken und Reichen. Das liegt natürlich nicht am Virus, sondern an unserer Wirtschaft-, Gesellschafts- und Sozialstruktur. Das wird uns derzeit in der Corona-Krise merklich bewusst. Viren greifen nicht bevorzugt sozial Schwächere an. Sie sind aber von einer Pandemie ungleich härter betroffen. Pandemien fungieren, so verstanden, als Seismograf des Sozialen.