Bellevuestraße - Phantastische Straße bei Nacht

Von Hans Bethge

Berlin, das lange in dem weitverbreiteten Ruf sachlicher Nüchternheit stand, ist auf dem besten Wege, sein Antlitz durch die Reize einer neuen phantastischen Schönheit zu veredeln.

Neulich Abend, zwischen neun und zehn, stieg ich, von Potsdam kommend, während das Auge von den bunten, kaleidoskopartigen Lichtspielen an den hoch in die Luft gehobenen Stirnen der Häuser gefesselt war, über den Platz und bog dann schlendernd in die Bellevuestraße ein. Diese alte Straße, früher eine der vornehmsten und ruhigsten Wohngegenden der Stadt, hat sich allmählich in eine wichtige Geschäftsstraße verwandelt, und zwar haben sich hier die Kunsthändler niedergelassen und bieten ihre erlesenen Kostbarkeiten in schön gepflegten Läden an, die alle Schaufenster haben.

Ich schritt unter den vollen Wipfeln der alten Kastanien hin, die Straße war ziemlich menschenleer, aber unter den Kastanienkuppeln flutete ein magisches Licht: es warf sich aus den Schaufenstern heraus, und hinter den großen Scheiben der Läden erhoben sich schweigende und doch unendlich beredte Werke der besten Kunst, überall, Haus bei Haus, so daß ich durch ein abendliches, wohlerleuchtetes Museum zu wandeln meinte, das seine Schätze dem erstaunten Auge in allem Glanz und aller Herrlichkeit darbietet.

Hier blicken die steinernen Köpfe chinesischer Götter, groß und still, dort leuchtet eine Landschaft Monets von bezaubernder Heiterkeit im elektrischen Licht, da drüben thront eine rheinische Madonna aus bemaltem Holz, ein Gebilde der deutschesten Innigkeit, französische Möbel des achtzehnten Jahrhunderts winken, dann eine große, herrliche Rötelzeichnung von Renoir, eine jener badenden Frauen, die er später für eines seiner berühmtesten Bilder verwendete, und wieder chinesische Götter von mächtigem Ernst, ein Paar der edlen Skulpturen Lehmbrucks ragen vor braunem Samt, das Fragment eines ägyptischen Reliefs, ein kleiner Trübner, ein alter Holländer, ein glanzvolles Gartenbild Liebermanns - genug, es ist phantastisch, es ist ein wahrhaft beglückender Spaziergang im elektrischen Licht durch alle Regionen der Kunst dieser Erde!

Am Ende der Straße, wo der Tiergarten beginnt, liegt ein vornehmes Café, auf der Terrasse wölben sich breite gestreifte Schirme über kleinen Tischen, ich trat auf einen Augenblick in das Innere des Cafés, dort ist ein Raum, wo junge Paare vor rosa durchglühten Wänden tanzen, die Wände bestehen aus rosafarbenem Alabaster und sind von innen erleuchtet, - eine Feerie. Ich ließ mich draußen auf der Terrasse nieder, und da ich mich umsah, starrten schon wieder, als sei ich in einem Märchenland, große chinesische Gottheiten schweigend aus erleuchteten Fenstern zu mir herab, denn auch im Hause dieses Cafés wohnt ein Mann, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, mit Göttern zu handeln.

Ich hatte Glück, denn hier auf der Caféterrasse wurde mein Auge bald durch eine Gestalt gefesselt, die mir ebensogut aus einem der Läden der Bellevuestraße von einem Gemälde her hätte entgegenblicken können. Eine Frau nämlich setzte sich an den Tisch zur Seite, eine Kurtisane in rotem Haar, gekleidet in weißen Musselin, die Züge verwüstet, die Augen flackernd, - ein Typ, wie ihn niemand meisterlicher als Toulouse-Lautrec auf seinen Bildern und Lithographien zu verewigen verstanden hat. Wenn Toulouse-Lautrec noch lebte, dachte ich, und er säße jetzt - welch beseligende Vorstellung - neben mir an diesem Tisch, er würde mit Windeseile sein Skizzenbuch ziehen, um sich voll leidenschaftlicher Hingabe Notizen nach dieser grotesken malerischen Gestalt zu machen, - und nachher zu Hause würde er eine seiner unsterblichen Lithos schaffen, von denen mir, so hoffe ich, die eine oder andere schon an einem der nächsten Abende aus einem der Läden in der Bellevuestraße entgegenleuchten wird ...

Aus: Hier schreibt Berlin. Eine Anthologie von heute, hg. von Herbert Günther, Berlin: Internationale Bibliothek GmbH Berlin 1929.

Das Buch ist in der Bibliothek des Vereins vorhanden.

Redaktion: Gerhild H. M. Komander 2003