17. 6. 2020

 Ingrid Ludwig

Bei Kriegsende im Mai 1945 war ich sechs Jahre alt. Meine Erinnerungen sind also nicht sehr intensiv. Ich war zu dieser Zeit mit meiner Mutter in der Schorfheide in einem Dorf, in dem meine Großeltern einen kleinen Bauernhof besaßen. Die Nähe zu Berlin zeigte sich darin, dass wir die Flugzeuge der Alliierten hörten und sahen, erleuchtet durch „Weihnachtsbäume“ am Himmel, die ihnen die Abwurfgebiete kennzeichnen sollten.

Als das Ende des Krieges nahte, wollten die Dorfbewohner sich sowie ihr Hab und Gut retten und haben dahingehend Vorsorge getroffen, dass sie tief im Wald Gruben aushoben, die dann mit Zweigen bedeckt wurden. Dort haben wir uns versteckt. Auch das Großvieh war in den Wald getrieben und dort angebunden worden.

Es gab mutige Männer, die sich aus den Verstecken gewagt haben und die Lage im Dorf zu erkunden suchten. Als sie dann meldeten, dass die Russen im Dorf seien, haben sich mehrere Männer mit weißen Tüchern als Zeichen des Ergebens aus dem Wald auf den Weg gemacht und sind den Russen entgegengetreten. Auf diese Weise kam es zu einer friedlichen Übergabe des Dorfes.

An den folgenden Tagen jedoch wurde viel geplündert: Fahrräder gestohlen, Pferde konfisziert, Wertsachen aufgespürt und mitgenommen. Manche Evakuierte hatten auch Möbel und wertvolle Gegenstände im Garten oder auf dem nahen Feld vergraben und Korn darauf gepflanzt. Aber die Russen kannten diese Methode und haben mit sehr langen Eisenstangen so manche Schätze aufgefunden.

Bald kehrten meine Mutter und ich nach Berlin zurück. Zum Glück ging es meinem Vater gut, der als „systemrelevanter“ Reichsbahner in Berlin geblieben war, und unser Haus war nicht ausgebombt, nur der Seitenflügel war zerstört. Aber ringsum gab es nur Ruinen, mit denen wir noch viele Jahre leben mussten.