Reisebericht zur Baltikum-Reise des Vereins für die Geschichte Berlins
24. August bis 7. September 2003

Von Jörg Kluge

In der Rundreise wurden folgende Ziele besucht: Polen: Mikolajki (Nikolaiken). Litauen: Vilnius (Wilna), Kaunas (Kauen), Siauliai (Schaulen), Klaipéda (Memel), Siluté (Heydekrug), Palanga (Polangen). Lettland: Liepaja (Liebau), Riga, Jelgava (Mitau), Rundale (Ruhenthal), Cesis (Wenden). Estland: Tartu (Dorpat), Pöltsamaa (Oberphalen), Paide (Weißenstein), Tallinn (Reval), Palmse.

Frei nach Fontane: Wer in das Baltikum reisen will, der muss zunächst Liebe zu „Land und Leuten“ mitbringen, jedenfalls keine Voreingenommenheit. So fuhren 39 Teilnehmer unter der Leitung von Reinhard Hanke am Sonntag, dem 24. 8. um 6.25 Uhr am Löwentor des Zoologischen Gartens ab. Vor dem Grenzübergang Pomellen konnten wir unseren Busfahrer Dirk Meinders in Empfang nehmen. Um dies vorweg zu nehmen: Dirk fuhr uns die 3400 km hervorragend!

Litauen
Vorbei an Stettin und Stargard gelangten wir nach Mikolajki (Nikolaiken) in Masuren, wo wir im Hotel Gotebiewski übernachteten. Am nächsten Tag erreichten wir nach kurzem Aufenthalt in Lyk (Elk) den Grenzübergang Polen-Litauen, Ogrodniki-Lazdijai. Hier stieg Regina, unsere Reisebegleiterin bis Tallinn, ein. Nach einer Mittagspause und Fünfgangmenü á la Dirk ( Würstchen, Pappdeckel, Senf, Gurke und Brot ) kamen wir abends in Vilnius (Wilna), der Hauptstadt Litauens an. In Litauen leben auf einer Fläche von 65 300 Quadratkilometern 3,6 Millionen Menschen, davon 543 000 in der Hauptstadt. Die Sprache des Landes ist Litauisch, die Währung (noch) Litas.

Am 26. August ging es zuerst zum Hausberg „Drei Kreuze“, mit einem herrlichen Blick auf Vilnius, der auf Befehl der Sowjetischen Parteizentrale 1950 gesprengt worden war und 1989 wiederaufgebaut wurde. Der Weg führte uns weiter zur Kirche St. Peter und Paul, die – in der Nähe zum Fluß Neris gelegen – ein bedeutendes Baudenkmal des Barock in Litauen ist. Imposant empfanden wir auch den Kafedralplatz in der Umgebung der ehemaligen unteren Burg mit der Arikafedrale-Basilika, der Kathedrale von Vilnius, mit einem separat stehenden Glockenturm. Eines der schönsten Ensembles war für mich die St. Anna-Kirche mit dem Bernhardiner-Kloster. Die Kirche der Hl. Anna, die im 15. und 16. Jh. gebaut worden wurde, ist das bekannteste und schönste Gebäude der Spätgotik in Litauen. Am 28. August nahmen wir Abschied von Vilnius und fuhren weiter zur gotischen Inselburg Trakai, die zwischen 1948 und 1952 wiederaufgebaut wurde. Wir besuchten das Gebetshaus der Karaite, die als Schriftgelehrte, Karäer, in Diensten der Großfürsten von Litauen standen und bis zum heutigen Tag ihre Religion ausüben. In jedem baltischen Land besuchten wir ein ethnographisches Museum: In Litauen war es das von Rumsiskés, mit 176 Hektar eines der größten in Europa. Am späten Nachmittag trafen wir in der zweitgrößten Stadt Litauens, in Kaunas ein. Regina zeigte uns die Stadt, und zum Abendbrot speisten wir in einem netten Restaurant. Am nächsten Morgen führte uns der Weg zum Kloster Pazaislis, das als eines der wichtigsten spätbarocken Bauwerke gilt. In sowjetischer Zeit befand sich hier eine psychatrische Anstalt. An der Autobahn in Richtung Klaipéda, am Stadtrand von Kaunas, fuhren wir an der Gedenkstätte des IX. Fort der Nationalsozialisten vorbei. Hier ermordeten Deutsche (SS und Wachpersonal) und litauische Helfershelfer 90 000 Menschen, davon 1800 Kinder: Juden aus dem Ghetto der Stadt, Deportierte aus anderen Ländern, russische Kriegsgefangene.

Es folgte die Besichtigung eines fast vergessenen geschichtlichen Denkmals: In einer Waldlichtung nicht weit von der Hauptstraße entfernt stand ein etwa drei Meter breiter und 1,5 Meter hoher Granitstein, dessen Inschrift der Konvention von Tauroggen (Taurage) gewidmet ist: geschlossen am 30. Dezember 1812 zwischen dem preußischen General Hans David York von Wartenburg und dem russischen General Diebitsch – in Begleitung des im Kampf gegen Napoleon in russischen Diensten stehenden Carl von Clausewitz. Im nahe bei Tauroggen gelegenen Dorf Poscherun erklärte sich das preußische Hilfskorps (14 000 Mann) der französischen Großen Armee gegenüber im Russischen Feldzug für neutral. Wartenburg handelte ohne Ermächtigung des Königs und leitete mit dieser Konvention den Wendepunkt in den napoleonischen Kriegen ein: Preußen löste sich aus dem erzwungenen Bündnis mit Frankreich und wandte sich Rußland zu. Ein eindrucksvoller Höhepunkt nationaler Denkmäler Litauens war der „Berg der Kreuze“, 18 Kilometer von Siauliai (Schaulen) entfernt: Tausende von Kreuzen wurden hier aus verschiedenen Anlässen aufgestellt, die ersten 1831 nach Aufständen gegen den Zaren. Im Vordergrund standen Mahnung, Trauer und Freiheitswille sowohl der Litauer als auch anderer Völker und Menschen. 1961 zerstörten KGB-Agenten erstmals die Gedenkstätte. Es wurden aber immer wieder Kreuze aufgestellt! Diese Auseinandersetzung dauerte bis 1985. Am Abend wurde Klaipéda (Memel) erreicht.

Am Vormittag des 29. August besuchten wir die 1926 erbaute evangelische Kirche in Siluté (Heydekrug). Interessant ist die Kirche wegen des achtzig Quadratmeter großen Freskos um den Altar. Es zeigt die dem Apostolischen Glaubensbekenntnis entnommene „Gemeinschaft der Heiligen“ bis zur Gegenwart. Heydekrug war auch der Geburtsort des Schriftstellers Hermann Sudermann (1857-1928). Am Nachmittag unternahmen wir eine Bootsfahrt auf den verzweigten Flußarmen des Memeldeltas (Nemunas) an der Kurischen Nehrung, die wir leider nicht sehen, sondern nur aus der Ferne ahnen konnten. Am folgenden Tag führte uns Regina in Polangen (Palanga) durch das Bernsteinmuseum, wo sie als wissenschaftliche Angestellte tätig ist. Das Museum befindet sich in dem Schloß, das Graf Tiskiewicz im Stil der Neurenaissance erbauen ließ. Er legte auch den Grundstock der Bernsteinsammlung. Nach dem Grenzübergang nach Lettland – Rucava -, wo wir unsere Pässe abgeben mußten, erreichten wir Liepája (Libau).

Lettland
2,4 Millionen Einwohner zählt Lettland auf einer Fläche von 64 590 Quadratkilometern. Die Landessprache ist Lettisch, die Währung Lats. In der lettischen Hauptstadt Riga leben 745 000 Menschen.

Nach langer Fahrt erreichten wir abends die Hansestadt Riga und mitten in der Altstadt unser Hotel Konventa Seta, das Ende des 16. Jahrhunderts als Stiftgebäude des Convents zum „Heiligen Geist“ erbaut worden war. Hier logierten wir für vier Tage. Die Altstadt konnten wir sowohl mit unserer Stadtführerin als auch allein sehr gut erkunden. Die Vielzahl von Jugendstilhäusern in der Neustadt, liebevoll restauriert, waren für mich ein Höhepunkt der Reise. Die Altstadt mit ihrem imposanten Dom, 87 Meter lang und 43 Meter breit, ist der größte baltische Kirchenbau und beispielgebend für die Backsteingotik im Baltikum. Der Philosoph Johann Gottfried Herder unterrichtete von 1764–1769 an der Domschule. Mit einem Teilabguß des Herder-Denkmals in Weimar gedenkt man ihm hier. Das Schwarzhäupterhaus, 1999 nach Wiederaufbau eröffnet, und der auf dem Rathausplatz stehende Roland sind beeindruckend. Von der Aussichtsplattform der Petrikirche hatte man einen schönen Überblick auf Riga mit den Markthallen, den ehemaligen fünf Zeppelin-Hallen, auf Große Gilde und Kleine Gilde – die eine vereinte die Kaufleute, die andere die Handwerker der Stadt. Für den Ausdruck des Freiheitswillens der Letten steht das Freiheitsdenkmal am Schnittpunkt der alten Wallanlagen und den wichtigsten Straßen der Stadt. Die neun Meter hohe Frauengestalt aus Bronze symbolisiert die „Mutter Heimat“. – Am 1. September war in Lettland der erste Schultag sowohl für die Erstklässler als auch für Schüler und Studenten. Der Brauch will es, daß die Schüler ihrem liebsten Lehrer Blumen mitbringen. Ein schöner Brauch zum Beginn eines neuen Schuljahres. Die Umgebung von Riga erkundeten wir dahin, das die Ordensburg in Bauska, das Schloß Rundále (Ruhenthal), der im Süden Lettlands liegende Sommersitz des kurländischen Herzogs Ernst Johann von Biron besucht wurden. Dieses prächtige Schloß wurde im 18. Jahrhundert von Bartolomeo Francesco Rastrelli (1700–1771), dem Hofarchitekten der Zarinnen Anna Iwanowna und Elisabeth erbaut. In Jelgava (Mitau) besuchten wir das zum Teil restaurierte Schloß, heute Lettlands Landwirtschaftsakademie, mit seinem kleinen Museum und der Herzogsgruft. Das Herzogsschloß wurde 1738 ebenfalls von Rastrelli erbaut.

Am 3. September hieß es Abschied nehmen von Riga. Wir fuhren zum Gauja-Nationalpark in der Livländischen Schweiz, Heimat der Vorfahren der Liven, die aus dem südlichen Ural nach Turaida und an den Unterlauf der Daugava (Weina) gewandert waren und später – um das 11. Jahrhundert – an der Coiwa (Gauja) seßhaft wurden. In Sigulda (Segewold) besuchten wir das Freilichtmuseum und Kulturschutzgebiet Turaida sowie die Grabstätte des Mädchens Maija unterhalb einer Linde. Sie wurde der Sage nach ihrer Schönheit wegen „Rose von Turaida“ genannt und von einem abgewiesenen Verehrer ermordet. Außerdem besichtigten wir die im Jahre 1750 gebaute Holzkirche und die mittelalterliche Burg Turaida. Nach einer Mittagspause fuhren wir nach Césis (Wenden), das 1383 seiner Lage an der wichtigen Straße von Riga nach Tartu (Dorpat) wegen Mitglied der Hanse wurde. Die mächtige Burgruine der Ordensmeister des Schwertbrüderordens beherrscht den Ort. Mehrere Ordensmeister sind in der gotischen Johanniskirche beigesetzt.

An der Grenze von Lettland und Estland, Valka – Valga, mußten wir den Bus verlassen. Mit Stempel im Paß versehen, fuhren wir für eine Übernachtung nach Tartu (Dorpat). An dieser Stelle ein kurzer Wetterbericht: Es hat immer wieder geregnet und war dementsprechend kühl, aber für die letzten Tage wurden wir mit schönem Wetter entschädigt.

Estland
Estland, das kleinste Land der drei baltischen Staaten, hat eine Fläche von 45 226 Quadratkilometern, bei einer Einwohnerzahl von 1,4 Millionen Menschen. In der Hauptstadt Tallinn leben 440 000 Menschen. Die Landessprache ist Estnisch und die Währung die Krone.

Der Vormittag begann mit einen Stadtrundgang durch die Hanse- und Universitätsstadt Tartu, die mit 115 000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Estlands ist: Vorbei am Rathaus aus dem 17. Jahrhundert mit seiner Stadtfahne, einem Geschenk des polnischen Königs. Der Weg führte uns weiter zum Toomemägi (Domberg), wo einst eine Burg des Deutschen Ordens stand. Wir überquerten die Teufelsbrücke, errichtet 1913 zum 300. Jahrestag der Dynastie der Romanow, gewidmet Kaiser Alexander I.; vorbei an den Denkmälern des Dichters Kristjan Jaak Peterson (1801–1822) und des Naturwissenschaftlers Karl Ernst von Baer (1792–1852). Die Domruine wurde im 15. Jahrhundert als dreischiffige Basilika erbaut. Kurzer Halt vor dem Denkmal Gustav II. Adolfs (1594–1632): Er unterzeichnete 1632 im Kriegslager bei Nürnberg die Gründungsurkunde der Universität Tartu. In der Aula der Universität hörten wir einen kleinen Vortrag über die Entwicklung der Universität. Das Interessanteste war natürlich der Karzer, unter dem Dach (!), wo die Studenten bei Wasser und Brot eingesperrt wurden, zum Beispiel für nächtliche Ruhesstörung zwei Tage lang. Ein Blickfang war das „Schiefe Haus“ von 1793: die eine Hauswand direkt an der Stadtmauer, die andere Seite auf Holzpfählen, absackten, so daß die Schräge zustandekam. Auf dem Weg nach Tallinn hielten wir in Pöltsamaa (Oberphalen) und Paide (Weißenstein), von dessen Burgturm wir einen weiten Ausblick in das Umland genossen.

Am frühen Abend erreichten wir Tallinn (Reval) und wurden im Hotel Olümpia einquartiert. Ein schöner Morgen lud uns zu einem Besuch zum Schloß Kadriorg (Katharienthal) ein. Unter Peter dem Großen zuerst als Sommerhaus errichtet, dann 1718 vom italienischen Baumeister Niccolò Michetti zu einem barocken Schloß ausgebaut. Vom Sängerfestplatz, der ein Drittel der estnischen Bevölkerung faßt, mit seiner 1960 – einer Muschel ähnlich – erbauten Sängertribüne wurden zur „singenden Revolution“ Bekundungen estnischen Freiheitswillen gegen die sowjetische Herrschaft veranstaltet. Tallinn mit seinen vielen verwinkelten Gassen in der bürgerlichen Unterstadt, über der sich der Oberberg des Adels und Geistlichkeit erhebt, beeindruckte uns alle. Tallinn wurde 1219 vom dänischen König Waldemar II. gegründet. 1561 übernahmen die Schweden die Herrschaft, 1710 schließlich Rußland. Das internationale Stimmengewirr auf den Plätzen und die vielen Sehenswürdigkeiten vermitteln Tallinn als weltoffene Metropole des Baltikums. Dazu kommt noch der große Hafen, wo die Fähren im Stundentakt herein- und herausfahren. Auf dem Domberg vorbei am Turm des Langen Hermann von 1371, weiter zur Alexander-Newski-Kathedrale ( 1895-1900 ), eine exakte Kopie der russisch – orthodoxen Kirche in Helsinki. Nach der Besichtigung des Doms ging es weiter zum Rathaus aus dem Jahre 1404. Das Schwarzhäupterhaus der ledigen Kaufleute, deren Schutzpatron der dunkelhäutige Hl. Mauritius war, war ebenso ein Ziel.

Der Blick vom Oberberg auf die Altstadt war besonders abends eindrucksvoll. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß wir am Vorabend unserer Rückreise, ein mittlelalterliches Abendmahl im Restaurant Pfeffersack einnahmen.

Am 6. September war der Tag, um nach Hause zu fahren. Bevor wir aber unsere Fähre – die Finnjet – um 22.30Uhr bestiegen, hatten wir noch einen erlebnisreichen Tag vor uns. Zuerst zum Nationalpark Laheema mit einem Spaziergang auf einem Bohlenweg durch ein Hochmoor. Naturkundliche Informationen gehörten mit dazu und waren sehr lehrreich. Zum Gutshof Palmse, weiter nach Gut Sagadi – und zum Abschluß ein Abstecher an die Ostsee auf die Halbinsel Käsmu Peninsula. Zurückgekehrt nach Tallinn zum Abendessen im Restaurant „Zum Goldenen Schwein“ fiel uns allen der Abschied von Regina schwer. Sie brachte uns noch zur Fähre, wir konnten nach dem Ablegen Tallinn im Lichterglanz und Mondschein noch einmal Revue passieren lassen. Nach ruhiger Nacht und gemütlicher Schiffsfahrt erreichten wir pünktlich um 18.30 Uhr Rostock und Berlin – das Löwentor am Zoologischen Garten – hatte uns am Abend glücklich wieder.

Im Nachhinein kann ich für mich feststellen, daß die Rundreise ein voller Erfolg war, und ich glaube, das alle Teilnehmer mit bleibenden Eindrücken nach Berlin zurückgekommen sind. Der Einzelne wird vorher gedacht haben, „was wird uns wohl erwarten?“. Und die Überraschung war groß, jedenfalls für mich, daß wir in drei aufstrebende Staaten kamen, die das Tor in Richtung Europa weit aufgestoßen haben (was die Abstimmungen zum EUBeitritt im September gezeigt haben). Vor allen Dingen schätzen sie jetzt ihre Freiheit und Selbständigkeit. Dabei kommen die historischen Wurzeln (auch die deutschen) nicht zu kurz. Ich glaube, es war eine Reise zur rechten Zeit. Ein Kompliment an all die Stadtführer und besonders an Regina und Herrn Hanke, die uns mit viel Wissen „fütterten“, auch den Mitreisenden, die mit ihrem Beitrag für zusätzliche Auflockerungen sorgten.

Anschrift des Verfassers:
Jörg Kluge, Schuckertdamm 356, 13629 Berlin