Kaiserin Auguste Viktoria

Am 11. April vollendete sich im Schloß Doorn ein Menschenleben, das alle Höhen und alle Tiefen, alle Lust und alles Leid dieser Welt durchmessen hat, Deutschlands dritte Kaiserin Auguste Viktoria ist dort zur ewigen Ruhe eingegangen. Wir Berliner gedenken der Tage, da sie die Unsre wurde, da sie am 27. Februar 1881 an der Seite des Prinzen Wilhelm von Preußen von Bellevue in Berlin einzog. Wie schlugen da der jungen deutschen Fürstentochter die Herzen entgegen, wie jubelte man, als der erste Sohn geboren wurde: Hurra! Vier Kaiser! Dann kam das schwere Trauerjahr 1888; der alte Kaiser Wilhelm stieg ins Grab in Kummer und Gram über das Todesleiden seines einzigen Sohnes, der nach neunundneuzigtägiger Regierung die Augen schloß. Auguste Viktoria wurde Deutschlands Kaiserin. Aller Glanz äußerer Herrlichkeit senkte sich auf sie herab, aber stets blieb sie in ihrer schlichten Würde die gütige, mütterliche, fromme deutsche Frau, die nicht glänzen wollte, sondern helfen, die nicht herrschen wollte, sondern dienen. Ihr warmes Herz gehörte den Notleidenden, den Kleinsten, den Ärmsten. Das Kaiserin-Auguste-Viktoria-Haus für Säuglingspflege wurde ihr Werk, der Not der Heimatarbeiterinnen suchte sie zu steuern, und als Berlin zur Riesenstadt anwuchs, da sorgte sie nicht nur für Kirchen, sondern durch die Frauenvereine auch für Schwestern, die in Krankheitsfällen pflegten und an der Mütter Stelle für Haus und Kinder sorgten. So wirkte sie ohne jede Frömmelei, Gott dienend durch ihre Tat. Wie sie aus dem Quell tiefer Religiosität stets neue Kraft schöpfte, so wollte sie diesen Born auch andern erschließen.

Jahre kamen und Jahre gingen, 1813 feierte da deutsche Volk das 25jährige Regierungsjubiläum seines Kaisers, als Friedenskaiser wurde er auch da von Fremden gepriesen, und schon ein Jahr später mußte er das Schwert ziehen, um Deutschlands Ehre zu wahren. Neue Aufgaben erwuchsen nun der Landesmutter für das Rote Kreuz und in den Lazaretten; des Volkes Leid wurde ihr Leid, sie suchte es zu lindern und zu helfen, bis ihr diese Aufgabe genommen wurde. Allein blieb ihr die Pflicht als Mutter und Gattin, in schwerer Stunde hielt sie die Frauentreue und folgte dem Gemahl in die Verbannung, die er erwählt, um seinem Volke Blutvergießen zu ersparen.

In den Niederlanden, in Doorn, ward ihr das Sterbelager bereitet, fern der geliebten Heimat ging sie zur ewigen Ruhe. Wahrlich ein Geschick tiefster Tragik. Doch wir scheiden von ihr mit dem Trost, daß sie zwar die irdische Krone verloren hat, daß ihr aber der gnädige Gott, der nur Treue sucht an seinen Haushaltern, des Lebens Krone reichen wird. In der Fremde ist sie gestorben, in deutscher Erde darf sie ruhen in dem Antiken Tempel bei dem Neuen Palais in Potsdam, den Hohenzollerngeist umweht. Hab Dank für alle Liebe, die du Berlin hast dargebracht, hab Dank auch für das Interesse an der schlichten Arbeit unseres Vereins.
Ruhe in Frieden!

[Paul] Torge

Aus: "Mitteilungen" 38, 1921, S. 17. Mit einer Abbildung: Porträt der Kaiserin.