Der Mühlendamm

Als Molendamm ist der Name der ältesten Spreeüberquerung im Berliner Stadtgebiet seit den Anfängen der Siedlungen Berlin und Cölln überliefert. Die ersten Handeltreibenden bauten an der Furt der Spree als ersten befestigten Übergang einen Knüppeldamm mit eingebauten Brücken, jedoch ohne Schleuse.

Denn das Hauptinteresse der Siedler galt dem Fernhandel auf dem Landweg. Der Damm bestand aus einander abwechselnden Schichten von starken Kiefernstämmen, die quer durch das Flussbett gelegt wurden, und Packwerken, mit Steinen beschwerte Faschinen aus Birkenreisern und Weiden.

Früh schon nutzten die Siedler die Wasserkraft des Flusses und errichteten, vermutlich um 1220, die ersten Wassermühlen. Die im 13. Jahrhundert erbaute Mühlendammbrücke diente sowohl als Wehr als auch als Mühlenstau. Der Spreekessel reichte stromaufwärts fast bis an die Stralauer Straße und die heutige Rungestraße, stromabwärts - Richtung Molkenmarkt - an die Poststraße, von der damals nur die Nordseite bebaut worden war.

Das flache Spreeufer sorgte alljährlich für mehrere Überflutungen. Erst im 14. Jahrhundert konnte man sie erfolgreich eindämmen. Mehr als 40 000 Eichen- und Kiefernstämme waren über Jahrzehnte in das Flussbett gerammt worden, um eine Wasserfläche von etwa dreißig bis vierzig Quadratkilometern aufzustauen. Große Steine, Rüdersdorfer Kalkstein und Granitfindlinge verstärkten den Dammbau.

Im Jahre 1285 wird die Cöllnische Mühle erstmals urkundlich erwähnt, 1306 die Berliner. Die Getreide-, Loh-, Walk- und Sägemühlen zwischen Berlin und Cölln waren die einzigen Mühlen im Berliner Raum - außer der Weddingmühle an der Panke - und brachten erhebliche Einnahmen. 1354 gab es mindestens drei Mühlen.

1572 nutzte der Berliner Rat die Bauten am Mühlendamm, um eine aus hölzernen Röhren bestehende Wasserleitung über ein Gerinne der Mühlen anlegen zu lassen. Sie brachte Spreewasser in die Höfe der Bürgerhäuser, verfiel aber im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges.

Damm und Mühlen unterbanden den Schiffsverkehr auf der Spree. Erst 1578 wird eine Schleuse erwähnt. Bis dahin musste der Warenverkehr flussauf- und abwärts zwischen Berlin und Cölln unterbrochen werden, die Waren aus- und auf andere Schiffe jenseits des Mühlendammes umgeladen werden.

So machten die Städte Gebrauch von ihrem einträglichen Niederlagsrecht. Aus diesem Brauch und Zwang entwickelten sich der Molkenmarkt und der Cöllnische Fischmarkt zu lebhaften Handelsplätzen, und man errichtete Krambuden und Verkaufsstände. Sie unterstanden als Freihäuser der landesherrlichen Gerichtsbarkeit.

1683 fasste Kurfürst Friedrich Wilhelm den Beschluss zu einer umfassenden Erneuerung der Dammgebäude. Unter der Aufsicht des Amtshauptmanns des Mühlenhofes, Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz, wurden die Bauten ausgeführt. Die Läden hatten die Inhaber auf eigene Kosten in Stein zu errichten.

Nach dem Entwurf von Johann Arnold Nering wurden den Läden die sogenannten Kolonnaden vorgesetzt: Es entstanden die ersten Arkadenhallen auf dem Mühlendamm. Sie wurden mit Kreuzgewölben gedeckt. Die Schlusssteine der Bögen wurden als Porträts ausgeführt, die Rückwände der Gänge mit Bildern der bedeutendsten Städte der Mark Brandenburg geziert. 1688 waren zahlreiche Hugenotten unter den Ladenbesitzern: der Büchsenmacher Fromery, der Zinngießer Catel, die Strumpfwirker Tondeur und Lagarde und andere mehr.

Die von Cöllner Seite auf den Mühlendamm stoßende Fischerbrücke erhielt 1696 ein Portal, die Friedrichsporte. In dem großen Saal darüber richtete die Kaufmannsgilde den ersten Börsensaal ein.

Zwischen 1701 und 1710 erhielt die Brücke sechs massive Gewölbe aus Sandstein mit einer Spannweite von je 4,8 Metern. Inschriftensteine, die beim Abbruch der Brücke gefunden wurden belegen die Jahreszahlen 1701 und 1707 sowie den Namen des damaligen Mühlenhauptmanns von Kamecke. Bis 1750 fand der Weihnachtsmarkt auf dem Mühlendamm und Molkenmarkt statt. Dann wurde er in die Breite Straße verlegt.

1747 und 1759 beschädigte ein Brand den Mühlendamm und seine Gebäude. König Friedrich II.nahm die Reparaturarbeiten zum Anlass, die Kolonnaden zweistöckig aufführen zu lassen. Durch den Umbau verengte sich die verkehrsreichste Straße von Berlin auf acht Meter in der Breite.

Trotz großer Beeinträchtigungen durch Lärm, Schmutz und üble Gerüche, den der Betrieb der Mühlen verursachte, galt der Mühlendamm den Zeitgenossen Mitte des 18. Jahrhunderts als vornehmes Kaufmannsviertel.

Die Zahl der Mühlen erhöhte sich in den folgenden Jahrzehnten auf zehn. Der enge Mühlendamm zeigte sich als eine der belebtesten Geschäftsstraßen Berlins, die Mühlen blieben die wichtigste Energiequelle der Stadt, bis sie in dieser Rolle in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts von den Dampfmaschinen abgelöst wurden.

Am 3. April 1838 richtete Feuer abermals schweren Schaden an.
Die städtischen Behörden ersuchten den König, die Mühlen nicht wieder inmitten des Stadtzentrums aufzubauen. Die Feuergefahr und andere Belästigungen waren zu groß. Gegen den Protest des Stadtrates wurde unter Leitung des Mühlenbaumeisters Dannenberg mit dem Neubau der Dammühlen begonnen. Nach den Entwürfen von Ludwig Persius entstand die äußere Hülle der neuen, steinernen Gebäude in den Formen der Burgenromantik. In einen der neuen Bauten zog das Berliner Polizeipräsidium ein. Eine große und eine kleine Mühle standen nun in der Mitte der Spree, begleitet von je einem Speichergebäude. Die Geschäfts- und Wohnhäuser waren im italienischen Stil errichtet worden, ihnen vorgelagert wiederum eine Kolonnade.

1873 erwarb der Unternehmer Hermann Geber die Dammgebäude vom Fiskus. 1880 erwarb sie die Preußische Immobilien-Actien-Bank. 1885 kaufte die Stadt die Gebäude von Breiter Straße 23 bis Poststraße 16 und ließ sie 1886 bis 1890 abbrechen. Unter stadthygienischen Gesichtspunkten, die von Stadtbaurat James Hobrecht und Rudolf Virchow entwickelt worden waren, entstanden an der Stelle der Mühlengebäude in ähnlichem Burgenstil öffentliche Gebäude zur städtischen Nutzung: Sparkasse und Armenverwaltung zogen ein. Die Entwürfe stammten von Hermann Blankenstein.

Die Südseite zur Fischerbrücke hin blieb unbebaut. So erreichte die Straße eine Breite von 26,5 Metern. Die beidseitigen Bürgersteigen maßen je 5,75 Metern. 1894 wurde die neue Wasserstraße einschließlich Schleusenanlage unter dem Mühlendamm freigegeben, deren Kapazität die Durchfahrt von täglich 250 Schiffen bis zu 600 Tonnen ermöglichte.

Erhöhtes Verkehrsaufkommen zu Wasser und zu Land machte schon dreißig Jahre später neue Planungen notwendig: gedacht war an die Verbreiterung der Straße und die Erweiterung der Schleuse. 1891 führten zehn Pferdelinienbahnen über den Mühlendamm. In der Verkehrszählung aus demselben Jahr stellte man fest, daß in 16 Stunden mehr als 60 000 Wagen aller Art und über 40 000 Passanten den Damm überquerten.

Noch in den zwanziger Jahren erweiterte die Stadt die Planung auf eine Gesamtbreite des Mühlendammes von 37 Metern und eine neue Zweikammerschleuse stromaufwärts, um die U-Bahnquerung zu ermöglichen und den Schiffsverkehr während der Bauarbeiten aufrechterhalten zu können. Dazu wurde auch der Bau einer Behelfsbrücke notwendig, der den denkmalgerechten Abbau des Ephraim-Palais' erforderte. 1935 begannen die Abbrucharbeiten, 1939 war die Behelfsbrücke fertig gestellt und das Ephraim-Palais verschwunden, 1940 der Bau der neuen Schleusenanlage beendet.

Durch die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges kamen die weiteren Bauarbeiten zum Erliegen, die Behelfsbrücke wurde in den letzten Kriegstagen von deutschen Soldaten gesprengt. Dem provisorischen Wiederaufbau folgte ab 1964 der Abbruch der alten Schleusenreste. 1966 bis 1968 entstand die heutige Spannbetonbrücke mit einer Breite von 45,2 Metern.

Literatur:
Pinkenburg: Baugeschichtliches vom Mühlendamm in Berlin, in: Zentralblatt der Bauverwaltung 1894, S. 250, 259 und 269.
Heinrich Herzberg und Hans Joachim Rieseberg: Mühlen und Müller in Berlin, Berlin 1987.
Eckhard Thiemann, Dieter Desczyk und Horstpeter Metzing: Berlin und seine Brücken, Berlin 2003.

Literatur aus den Publikationen des Vereins für die Geschichte Berlins:
Joseph Dagobert: Zur Geschichte des Mühlendamms, in: MVGB 1893, 10.
Hermann Kügler: Der Brand der Dammühlen. Eine Jahrhunderterinnerung und ein Alexis-Fund, in: ZVGB 55, 1938, 1, S. 7-12.
Konrad Müller: Zum "Brand der Dammühlen", in: ZVGB 55, 1938, 2, S. 71.

Gerhild H. M. Komander 8/2004