Der Autor dieses Textes ist seit 55 Jahren Mitglied des Vereins für die Geschichte Berlins und erzählt von seinen Erlebnissen im geteilten Berlin

9. 7. 2020

Eine Teilung Berlins gab es schon vor dem Mauerbau, denn Berlin bestand nach dem Ende des zweiten Weltkriegs aus vier Sektoren, den drei Westsektoren und dem Ostsektor. Der Unterschied zu der Zeit nach dem Mauerbau bestand darin, dass man mehr oder weniger frei und unkontrolliert zwischen Ost und West und West und Ost „pendeln" konnte.

Als es den Westberlinern wirtschaftlich „dreckig" ging, zumindest den arbeitslosen, den geringverdienenden, den Menschen mit geringer Rente usw., kauften Westberliner im Osten ein. Das war insbesondere dadurch günstig, dass man mit seinem Westgeld das Mehrfache in Ostmark bekam, wenn man die Gelder in einer Wechselstube zum Tageskurs tauschte und dadurch die Ausgaben niedrig halten konnte. Ohne jetzt die genauen Zeiten erinnern zu können, betrug der Wechselkurs einige Zeit lang 1 : 7, sogar 1 : 11.

 

Soweit ich mich erinnere, wurden bei Stichprobenkontrollen Hamsterer festgestellt, die größere Mengen Lebensmittel, zum Teil am Körper unter der Garderobe befestigt und versteckt, nach dem Westen transportierten. Bei technischem Gerät musste später der Personalausweis vorgezeigt werden und der Einkauf wurde registriert. Als ich später nach Westberlin geflohen war, recherchierte die Polizei - oder war es der Zoll? -, ob die von mir erworbenen Gegenstände, eine Schreibmaschine und ein Fotoapparat, mit nach dem Westen gegangen oder zurückgelassen worden waren.

In der unmittelbaren Nähe der Sektorengrenzen - sie teilten mitunter eine Straße längs dem Fußweg - standen Verkaufsbuden, bei denen vor allen Dingen Schokoladen und Süßigkeiten zu kaufen waren und die von den Ostberlinern aufgesucht wurden. Am Potsdamer Platz konnte bei einem Zeitungskiosk das Magazin „Der Spiegel" — sehr begehrt zu einem günstigen (Sonder-)Preis erworben werden. Die entsprechenden (Ost)Exemplare wurden durch einen Stempel auf der Titelseite rechts oben gekennzeichnet.

Um mein Studium in Westberlin aufnehmen zu können, musste das im Osten absolvierte Abitur anerkannt sein. Genau genommen ging es nicht um einen Qualitätsvergleich, sondern darum, dass die Schulzeit von 12 Jahren im Osten den westlichen Bedingungen von 13 Schuljahren angepasst wurde. Dafür gab es zwei Möglichkeiten. Entweder besuchte man eine der an einigen Gymnasien eingerichteten „Ostklassen“, die in den Schulgebäuden nachmittags abgehalten wurden und mit dem Abitur abschlossen, oder man holte als Externer das Abitur nach. Dafür meldete man sich in der Senatsverwaltung für Volksbildung und zahlte eine Verwaltungsgebühr von 11 DM. Man wurde einer Schule zugeteilt - passend zur bisherigen Ausbildung, also Altsprachler an ein altsprachliches Gymnasium - und musste dort vier schriftliche Arbeiten erledigen und sich in vier Fächern, die vorgegeben waren, mündlich prüfen lassen.

Das Ergebnis enttäuschte. Denn man erhielt nicht etwa ein ordentliches Zeugnis, sondern lediglich eine Anerkennungsbescheinigung. Die war zwar auf einem ordentlichen Bogen Papier enthalten, bestand aber praktisch nur aus einem Satz, dass das abgelegte Abitur anerkannt werde. Über die Leistungen keine Mitteilung zu den Prüfungsergebnissen.

Auch ohne diese Anerkennung des Ostabiturs wäre es möglich gewesen, an der Freien Universität (FU) in Westberlin ein Studium zu beginnen und zwar mit einer sogenannten kleinen Matrikel. Die Dauer wäre auf drei Semester begrenzt gewesen. Für ein reguläres Vollstudium war das Anerkennungsabitur Voraussetzung.

Drei besonders bemerkenswerte Erinnerungen stammen aus dieser Zeit: Der Osten, die Freie Deutsche Jugend (FDJ), schickte an die FU in Dahlem Agitationstrupps, die „für den Frieden" werben sollten. Mitunter standen in der Mittagszeit Gruppen von ca. 30 Personen beieinander und diskutierten über Marx und Engels usw., die Politik im Großen (Ost-Westkonflikt; Aufrüstung) und Kleinen. Wir, d.h. einige wenige als Grenzgänger Studierende der rechtswissenschaftlichen Fakultät, beobachteten die mitunter hilflos wirkenden Studierenden des Westens, die offensichtlich nicht gewohnt waren, auf die eher provozierenden Werbungen der FDJler zu reagieren. Mit der Floskel, „bist Du für den Frieden?" wurden die verschiedensten Anliegen, Aufrufe und Forderungen zur Unterstützung oder auch zur Unterschrift präsentiert.

Der Senat von Berlin bewilligte Grenzgängern unter den Studierenden eine Bücherbeihilfe. Er übernahm die Kosten bis zur Höhe von 150 DM pro Semester für den Erwerb von Fachbüchern. Auf diese Weise hatte ich als armer „Ossi“ mehr Bücher, als mancher Studierende aus dem Westen, selbst wenn er reiche Eltern hatte. Arbeitete ich während des Semesters zu Hause in Ostberlin, standen die Bücherschätze bei mir zu Hause. Befand ich mich während der Semesterferien außerhalb von Ostberlin, lagerte ich die Bücher bei Angehörigen in Westberlin für den Fall, dass man eines Tages im Westen sein würde. Infolgedessen wechselten die Bücher mehrmals im Jahr ihren Standort und wurden mal hin, mal her über die Grenze befördert Das ging gut; eine Kontrolle, die möglicherweise die „Einfuhr westlicher Druckerzeugnisse" unterbunden hätte, erlebte ich nicht.

Die Arbeitsmöglichkeiten in den Bibliotheken waren schon damals (hier ca. 1958 bis 1961) angespannt. Wenige Werke und Ausgaben mussten sich viele Studierende teilen. Man notierte und kopierte, von elektronischen Geräten noch keine Spur. In Dahlem reichten die Bücher schon damals nicht. Die Amerika-Gedenkbibliothek am Halleschen Tor hatte einige Werke, die man gebrauchen konnte, war aber verhältnismäßig unruhig. Die Bibliothek des Kammergerichts — sie galt damals nach der Bibliothek des Reichsgerichts als ähnlich bedeutende Gerichtsbibliothek — war nicht jedermann zugänglich und lieh an Studierende nicht aus, stand auch zeitlich nur in begrenztem Maße zur Verfügung. In Betracht kam noch die Staatsbibliothek, damals noch nur unter den Linden. Sie verfügte über einen nützlichen Anteil von Literatur, die man als Rechtsstudent brauchte; was nicht für jedermann bestimmt war, stand im sogenannten Giftschrank und durfte nur von dem Abteilungsleiter herausgegeben werden. Die Zahl der Studierenden, die aus dem Osten stammten und Rechtswissenschaften studierten, war nicht groß; wir waren drei oder vier, die die Bibliothek überhaupt zu kennen schienen und in Anspruch nahmen. Die Bücher konnten meist entliehen werden. Und das Besondere war, dass die Bibliothek - jedenfalls der Lesesaal - sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet war. Damit hatte man nicht nur mehr Zeit zum Arbeiten zur Verfügung, sondern saß im Sommer jedenfalls bei großer Hitze in einem kühlen Lesesaal und konnte ungestört lesen und/oder schreiben. Ich meine, dass sogar die Cafeteria geöffnet hatte, in der man Pause machen und eine Kleinigkeit zu sich nehmen konnte.