| Achard, Franz Carl |
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200 Jahre Rübenzucker Von Hubert Olbrich Im März 1802 ist erstmals Rübenzucker fabrikmäßig hergestellt worden.[1] Ort des epochalen Ereignisses war das Gut Cunern (heute: Konary) in Schlesien auf der östlichen Oderseite unweit von Steinau (heute: Scinawa). Initiator war der Hugenottennachfahre und Berliner Akademiedirektor Professor Franz Carl Achard (Berlin 28. April 1753 bis 20. April 1821 Cunern, Krs. Wohlau; heute: Wolów). Seit 1776 war Achard Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften im preußischen Machtzentrum Berlin. Als Schüler von Andreas Sigismund Marggraf (1709-1782), dem berühmtesten Chemiker seiner Generation im deutschen Sprachraum, wurde er dessen Amtsnachfolger als Direktor der Physikalischen Klasse (1782-1810) der damals noch interdisziplinär ausgerichteten Akademie. Es war eine Umbruchzeit der Wissenschaftsentwicklung. Der multitalentierte Achard war tätig als Physiker, Chemiker, Biologe, Pflanzenzüchter, Landwirt, Techniker, Organisator, Propagandist, Veranstalter und Erfinder, zudem auch noch Autor zahlreicher Veröffentlichungen. Der weltbekannte Naturforscher und Berliner Ehrenbürger Alexander von Humboldt (1769-1859) urteilte über Achard: „Ein genialer, oft verkannter Physiker, mit einem besonderen Scharfsinn im Erfinden und einem Talent in dem Ersinnen von Experimenten“.[2] Zwei Phasen prägten Achards Berufsleben. Die des Akademikers, gekennzeichnet durch vielseitige chemische und physikalische Untersuchungen, Veröffentlichungen und Vorträge, und die des Landwirtes und Fabrikanten, gekennzeichnet durch seine den Rübenbau und die Rübenzuckerfabrikation umfassende praktische Tätigkeit.[3] Die primäre Aufmerksamkeit für Achard gilt heute nicht dem umfassenden Gesamtwerk seiner Lebensarbeit, sondern seiner im Ergebnis bedeutendsten wissenschaftlichen und technischen Leistung, nämlich der Gewinnung von Rübenzucker. Die fabrikmäßige Premiere liegt im März 2002 genau 200 Jahre zurück. Heute verkörpert jede Rübenzuckerfabrik der Welt eine lebensnahe Gedenkstätte, die dem Gelehrten, Praktiker und Pionier Achard zu Ehre gereicht. Eine Bedeutung, die im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben einmalig ist. Ihm verdankt Europas Wirtschaft eine ihrer stärksten Stützen und die Welt den wirksamsten Impuls zur baldigen Abschaffung des Elends der Negersklaverei auf den Überseeplantagen in den Kolonialzuckerländern. Denn der Rübenzucker beendete nicht nur das Marktmonopol des Rohrzuckers, sondern nötigte bald die bislang primitive Produktionsweise der Zuckerrohrverarbeitung zum Anschluß an die verfahrenstechnische Entwicklung der Rübenverarbeitung. Diese begann im 19. Jahrhundert mit der zweiten Gründungswelle in den dreißiger Jahren. Die junge Rübenzuckerindustrie wurde zum Schrittmacher der Industrialisierung überhaupt.[4] Sie war ein agiler Industriezweig, dessen Pionierarbeit zahlreichen Gebieten zugute kam: Förderung von Massen, bei den Wäschen, der Extrakten, Filtration, Verdampfung und Kristallisation, der Zentrifugentechnik und Trocknung. Die mehrfache Abdampfverwertung im abgestuften Vakuum und bahnbrechende Schritte zur Abwasserbehandlung sind ureigne Verdienste der Rübenzuckerindustrie. Damals waren fast alle chemischen Fabriken rückständig im Vergleich zum Stand der Technik der Rübenzuckerfabriken. Diese haben nicht nur ihre eigene technische Entwicklung vorangebracht; sie haben auf zahlreiche andere Fabrikationszweige vorbildhaft gewirkt und insgesamt großen Einfluß ausgeübt auf die vorindustrielle Entwicklung insgesamt in der Gründerzeit. Die rasante Entwicklung wurzelt im Lebenswerk von Achard. Neben seinem Ansehen verblassen alle Namen der zahlreich nachfolgenden Forscher und Erfinder auf diesem Gebiet, denn sie wandeln auf dem Pfad, den Achard als von brennendem Ehrgeiz erfüllter Forscher mit ungestümem Trieb in rastloser Betätigung gewiesen hat. Von den außerordentlichen Leistungen seiner Herkules-Natur profitiert die Nachwelt in ununterbrochener Kontinuität.[5] Zum Reaktionsschema gegen Herausragende und Erfolgreiche gehören mancherlei Widerstände, Behinderungen, Mißgunst und Anfeindungen. Das hat Achard zur Genüge erfahren und mit erstaunlicher Contenance ertragen.[6] Er, der Gesundheit und Vermögen in verzehrendem Einsatz leidenschaftlich für höhere Ziele opferte, starb verarmt und vergessen. Heute weisen blaue Emaille-Tafeln in fünf Sprachen an der am Friedhof Herrenmotschelnitz (heute: Moczyndinica Dworska) nach Cunern vorbeiführenden Straße auf sein Grab.[7] Die einsame Friedhofsanlage zwischen den Ortschaften hat mutwillige Zerstörung begünstigt. Hirnlose Fanatiker gibt es überall. Von unbekannten Tätern wurde um 1980 der Familiengrabstein von 1821 umgestürzt und schwer beschädigt. Inzwischen restauriert befindet er sich im Wohlauer Museum. Die das Grab bedeckende massive Steinplatte, mit der 1886 die deutsche Zuckerindustrie einem überfälligen Gedenken Ausdruck verlieh, erfüllt nun allein die Orientierungsaufgabe für Besucher, jetzt das einzige verbliebene Kulturzeugnis aus deutscher Vergangenheit auf diesem Gottesacker.[8] Am treffenden Wort „Sic transit gloria mundi“[9] über die Vergänglichkeit allen menschlichen Strebens kommt kein Sterblicher vorbei. Nach Ernst Renan (1823-1892) bedeutet das in der Regel: „Ein ungeheurer Fluß des Vergessens reißt uns in einen Abgrund ohne Namen“. Dieses Schicksal gilt posthum nicht für Achard. Heute zählt Achard dank seines gemeinnützigen Lebenswerkes, das der gewinnorientierte Wirtschaftszweig in lukrativen Dimensionen spiegelt, zu den überragenden Leitbildern für Haltung, Streben und Erfolg. Im tragischen Kontrast dazu waren seinem Leben seit der Brandkatastrophe vom 21. März 1806, der die Fabrik und wichtige Gutsgebäude in Cunern zum Opfer fielen, harte Schicksalsschläge aufgebürdet. Diese waren geprägt von Armut, Not und von den Hemmnissen und Bedrückungen des gnadenlosen Besatzungsterrors der Ära Napoleon. Achard war schicksalhaft auf die Schattenseite der Verlierer und Benachteiligten geraten. Die ihm erst 1810 zuteilgewordene finanzielle Hilfe durch Friedrich Wilhelm III. (1770-1840, ab 1797 König) vermochte die verlorene Zeit, die zerstörten Hoffnungen, die zahlreichen Fehlschläge und zerschlagenen Initiativen nicht mehr ausgleichen, zumal Achards Gesundheit inzwischen stark angegriffen war. Seit dem Sturz Napoleons bestimmten neue Strukturen das politische und wirtschaftliche Geschehen der sozial schwierig gewordenen Zeit mit konfliktreichen Auseinandersetzungen.[10] Mit der Bauernbefreiung war der Güterwert gesunken. Die preußischen Reformen kollidierten mit zäh verteidigten Besitzständen, gewohnten Lebensformen und den etablierten Positionen des organisierten Adels, der nachhaltig dem politischen Erziehungsprogramm zunächst heftigen Widerstand leistete. Die Säkularisierung des umfangreichen Kirchenbesitzes hatte neue Verhältnisse geschaffen. Zwischen dem Start der 1802 in Betrieb genommenen Zuckerfabrik und den Verhältnissen in Achards Todesjahr liegen Welten. Die vordem blühende Oderprovinz und die Masse ihrer Bevölkerung waren verarmt. Im Abstand von zwei Jahrhunderten erstrahlt nun die Premiere der fabrikmäßigen Gewinnung von Rübenzucker als Jubiläumsereignis. Mehr noch fasziniert die belegte Erkenntnis zur Person von Achard, dass es sich um das abenteuerlichste, gewagteste, spekulativste und posthum mit Abstand zukunftsträchtigste Forscherdasein und Erfinderleben seiner Generation handelt. Ein auch nur annähernd vergleichbares zeitgenössisches Ereignis ist nicht bekannt. Silhouetten auf dem von Professor Ernst Jünger (München) entworfenen Sonderpostwertzeichen (43 × 25,5 mm, Sechsfarben-Offsetdruck) vom 12. März 1992 (Ausgabetag) zum 125-jährigen Gründungsjahr des Instituts für Zuckerindustrie nach Motiven aus dem Zucker-Museum: Franz Carl Achard (1753-1821), Begründer der Rübenzuckerfabrikation, mit seinem Amtsvorgänger (vor sich) bzw. einem Nachfahre (hinter sich): Andreas Sigismund Marggraf (1709-1782), Entdecker des Rübenzuckers, Carl Scheibler (1827-1899), Gründer des ersten Zuckerinstituts. Nach Scherenschnitten von Jean-Yves Dousset (1980) von den Bronzebüsten im Zucker-Museum Berlin. Ein abschließendes Wort zur historischen Stätte. Nach der Brandkatastrophe von 1807 hat Achard mittels späten Aufbaukredits (1810) das Gebäude der Zuckerfabrik in kleinerem Umfang als Lehranstalt wieder errichtet. Nach bisherigem Informationsstand sei dieses Gebäude zerstört worden, „nur die Fundamente sind übrig geblieben“.[11] Die bisher angenommene Zerstörung durch Kriegseinwirkung bedarf der Überprüfung. Im Hörfunk der WDR-Sendereihe „Alte und Neue Heimat“ zitierte am 4. Februar 2001 der Autor Sebastian Ficus, Angehöriger der deutschen Minderheit in Polen, die Zeitzeugin Zofia Kuderska im O-Ton. Danach sei das historische Gebäude 1946 noch vorhanden gewesen. Man wußte nicht um seine Bedeutung und hielt das Haus der vergitterten Fenster wegen für ein Gefängnis. Eine in gewissem Sinne zutreffende Vermutung. Denn in den Kriegsjahren sind dort in der Landwirtschaft eingesetzte Zwangsarbeiter nachts unter Verschluß gehalten worden. Das war den polnischen Ansiedlern natürlich nicht bekannt. Leute, die Ziegel brauchten, haben die Mauern abgebrochen, später auch den Schornstein, weil Kinder an ihm herumkletterten. Das sei den Eltern zu gefährlich gewesen. Falls diese Angaben stimmen, dass 1946 noch alles gestanden habe, wäre die bisherige Version falsch, dass Achards historische Fabrik durch unmittelbare Kriegseinwirkungen zerstört worden sei. Seit 1964 sind die konservierten Mauerreste als Gedenkstätte hergerichtet.[12] Literatur
Aus: „Mitteilungen“ 2/2002 |